Laut Prognosen von Militärexperten wird sich das Gesicht des Krieges in Ukraine in den nächsten drei bis fünf Jahren grundlegend verändern. Der Konflikt geht in die Phase des „Kampfes der Betriebssysteme' über. Dies erklärte Daniil Tsvok, Leiter des Zentrums für künstliche Intelligenz des ukrainischen Verteidigungsministeriums (Defense AI Center), in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. Die Hauptaufgabe der ukrainischen Entwickler besteht darin, die verstreuten Elemente der Bewaffnung in ein einziges digitales Ökosystem zu integrieren.
Von einzelnen Programmen zu einem einheitlichen Netzwerk
Die ukrainische Armee setzt an der Front bereits aktiv Technologien der künstlichen Intelligenz ein. Neuronale Netze helfen beim Pilotieren von Drohnen, bei der Planung von Kampfeinsätzen und bei der Analyse von Daten über Raketenangriffe des Gegners. Allerdings ist der aktuelle Stand der KI-Nutzung nach Angaben von Tsvok erst der Beginn der Transformation.
Das Verteidigungsministerium strebt ein neues Niveau an: Anstelle verstreuter Programme wird ein einheitliches Betriebssystem geschaffen. Es soll die Bewaffnung und Informationsströme entlang der gesamten Frontlinie verbinden. Die KI wird Daten sammeln und sofort fertige Lösungen vorschlagen – von der Taktik eines einzelnen Soldaten im Schützengraben bis hin zu strategischen Entscheidungen des Kommandos. Den Vorteil im Krieg wird derjenige haben, dessen System mehr Informationen sammeln und schneller verarbeiten kann.
Technologisches Wettrennen mit Russland
Die Entwicklung von Militär-KI hat sich zu einem großtechnologischen Wettlauf entwickelt. Russland entwickelt ebenfalls seine digitalen Fähigkeiten. Der Gegner setzt KI-Algorithmen immer häufiger ein, um massierte Raketen- und Drohnenangriffe auf ukrainische Städte zu planen, was die Vorbereitungszeit für jeden Angriff erheblich verkürzt.
Um dem Gegner zuvorzukommen, bezieht Ukraine ausländische Technologieunternehmen ein. Einige von ihnen, wie das amerikanische Unternehmen Palantir, haben ihre Systeme bereits für Tests unter realen Kampfbedingungen übergeben. Darüber hinaus hat Kiew das Projekt Brave1 Dataroom gestartet – eine spezielle Plattform, auf der Partnerländer Kampfdaten erhalten können, um ihre Software zu trainieren und zu verbessern.
Digitalisierung interner Prozesse
Neben reinen Kampfaufgaben plant das Verteidigungsministerium auch interne Prozesse zu digitalisieren. Derzeit entwickelt das Ministerium ein HR-System auf KI-Basis, das den Personalrekrutierungs- und Personalmanagementprozess im öffentlichen Sektor reformieren soll. Dies ist besonders relevant angesichts der Tatsache, dass beide Seiten täglich Tausende von Drohnen einsetzen und Ukraine zusätzlich Bodenroboter einsetzt, um den Mangel an Personal an der Front auszugleichen.
Die größte Herausforderung: Entscheidungsgeschwindigkeit
Die größte Herausforderung der Zukunft bleibt die Geschwindigkeit der Entscheidungsfindung. Derzeit hält sich die Ukraine strikt an das Prinzip, dass die endgültige Entscheidung während des Kampfes immer beim Menschen liegt. Experten geben jedoch zu: Mit der Zeit werden KI-Systeme die menschliche Reaktion überholen, und die Anwesenheit eines Operators könnte den Prozess verlangsamen. Daher müssen die Armeen lernen, mit den Entscheidungen Schritt zu halten, die autonome Systeme generieren.