Ein jahrtausendealtes Rätsel, das Linguisten und Historiker geplagt hat, hat endlich eine unerwartete Lösung gefunden. Kanadische Wissenschaftler, bewaffnet mit künstlicher Intelligenz, haben eine revolutionäre Hypothese aufgestellt: Die geheimnisvollen Symbole auf den Siegeln der Indus-Kultur sind keine Sprache, sondern das älteste bargeldlose Zahlungssystem der Welt.
Die indische (Harappische) Zivilisation der Bronzezeit, die zwischen 2600 und 1900 v. Chr. existierte, war ein Riese ihrer Zeit. Sie erstreckte sich über eine Fläche von etwa einer Million Quadratkilometern und betrieb aktiven internationalen Handel. Doch trotz des Umfangs der Wirtschaft fanden Archäologen bei den Harappern nie Münzen. Ein Jahrhundert lang versuchten Forscher vergeblich, die Inschriften als gesprochene Sprache zu entschlüsseln, doch das Institut für integrative und interdisziplinäre Forschung in Toronto behauptet: Der Fehler lag im Ansatz selbst.
Neuronales Netz gegen Linguistik
Um die neue Theorie zu überprüfen, führte eine Wissenschaftlergruppe unter der Leitung von Boris Kröger ein Experiment durch, das im Magazin IIIR Computational Humanities and Cultural Systems veröffentlicht wurde. Anstatt einer traditionellen philologischen Analyse nutzten die Forscher das neuronale Netz Claude Opus, um die positionelle Entropie der Inschriften zu berechnen.
Die Stichprobe umfasste 179 Siegel mit Einhorn-Motiven, die bei Ausgrabungen in der antiken Stadt Mohenjo-Daro gefunden wurden. Die KI ermöglichte es, mathematische Muster zu erkennen, die für das menschliche Auge unsichtbar waren:
- Einzigartigkeit der Codes: 98,3 % aller Inschriften auf den Siegeln sind absolut einzigartige Sequenzen von Zeichen. Dies schließt statistisch die Wahrscheinlichkeit aus, dass es sich lediglich um Eigennamen oder eine zufällige Ansammlung von Symbolen handelt.
- Datenstruktur: Der Grad der Informationsvielfalt (Entropie) verringert sich stark an den Rändern der Inschriften und weitet sich in der Mitte aus. Wissenschaftler vergleichen dies mit formatierten Codes wie einer Steuernummer und nicht mit lebendiger Sprache.
- Position der Zahlen: Symbole, die Kardinalzahlen bezeichnen, machen 15,4 % des gesamten Datensatzes aus und befinden sich fast immer an vorletzter Stelle. Dies entspricht der Position von Kategorien- oder Tariftypfeldern in modernen Dokumenten.
- Anomalie der Zwei: Die Zahl 2 kommt in 66,9 % aller Fälle unter den Zahlen vor. Die Forscher glauben, dass dies auf die Festlegung von Zugriffsstufen oder Status in einer Handelsgilde hinweist und nicht auf die Zählung der Warenmenge.
Wie die antike Bankkarte funktionierte
Laut den Schlussfolgerungen der kanadischen Wissenschaftler funktionierte das System nach dem Prinzip des modernen Acquiring. Die erhabenen Zeichen auf dem Steinsiegel, das der Händler bei sich trug, wurden in feuchten Ton gepresst. Dieser Prozess erzeugte einen Transaktionsabdruck, ähnlich wie die geprägten Ziffern auf einer alten Kreditkarte einen Abdruck auf dem Kopierpapier hinterließen.
Dieser Mechanismus ermöglichte eine vollständige Trennung des Autorisierungsinstruments (das Siegel, das beim Besitzer verblieb) und der Transaktionsaufzeichnung (der Tonabdruck, den die Vertragspartner mitnahmen). Somit erwiesen sich die Artefakte als rein administrative Kreditinstrumente.
Nun haben die Autoren der Studie klare Kriterien für die Bestätigung ihrer Theorie formuliert: Sie planen, den gesamten Datensatz von 5500 bekannten Inschriften zu testen. Da die Arbeit eine mathematisch fundierte Lösung für eines der ältesten Rätsel der Menschheit bietet, haben die Forscher offiziell einen Antrag auf den Irawatham Mahadevan-Preis in Höhe von 1 Million US-Dollar gestellt.