Nach fast zwei Jahrtausenden, in denen vulkanische Gase das Papyrus in brüchigen Kohlenstoff verwandelt haben, hat ein internationales Forscherteam einen Weg gefunden, die Entzifferung der einzigen überlieferten Bibliothek der antiken Welt zu beschleunigen. In dem wissenschaftlichen Fachblatt PLOS (PLoS ONE) wurde eine Methode veröffentlicht, mit der bestimmt werden kann, welche verkohlten Herculaneus-Rollen mit Tinte geschrieben wurden, der Blei zugesetzt wurde. Genau diese Rollen sind für Röntgenverfahren und KI-Algorithmen am besten „sichtbar“, was die Suche nach lesbarem Text von einem monatelangen Durchprobieren in eine gezielte Arbeit verwandelt.
Die Bibliothek, eingesperrt in der Asche
Die verheerende Eruption des Vesuv im Jahr 79 n. Chr. zerstörte nicht nur Pompeji, sondern auch die Stadt Herculaneum. In einer luxuriösen Villa, die nach einer Version dem Schwiegervater des Julius Cäsar und nach einer anderen dem Philosophen Philodemus gehörte, fanden Archäologen eine Bibliothek aus mehr als 600 verkohlten Papyrusrollen. Die heißen vulkanischen Gase karbonisierten das Papyrus augenblicklich und verwandelten es in brüchigen Kohlenstoff: Physikalisch aufrollen lässt sich ein solcher Wulst nicht, denn schon beim leisesten Berühren zerfällt er zu Asche. Deshalb wurde für die Arbeit am Text das Vesuvius Challenge-Projekt geschaffen, das Mikrokernspintomographie und KI für das sogenannte „virtuelle Entrollen“ der Rollen nutzt.
Das Kontrastproblem: Warum der Röntgen den Text „nicht sieht“
Haupt Hindernis für die Entzifferung war die Natur der altrömischen Tinte. Die meisten davon wurden aus Ruß und Wasser hergestellt, also aus Kohlenstoff. Da sowohl das Papyrus als auch die Tinte aus demselben Element bestehen, unterscheidet die Röntgenstrahlung kaum zwischen ihnen: Der Kontrast ist extrem gering, und die Silhouetten der Buchstaben versinken in der „Dunkelheit“ des Bildes. Daher mussten die Wissenschaftler Monate an aufwendiger Ausrüstung damit verbringen, auf den Tomogrammen nach kohlenstoffhaltigen Worten zu suchen.
Blei als Schlüssel: Die Hypothese von Douglas Zymler
Der Erfinder Douglas Zymler zusammen mit einem Team aus Chemikern und Physikern vermutete, dass ein Teil der Rollen mit Tinte geschrieben worden sein könnte, der Metalle – insbesondere Blei – zugesetzt wurde. Gerade das Vorhandensein von Blei ermöglicht es den Röntgenstrahlen, die Buchstaben praktisch augenblicklich zu erkennen. Zur Überprüfung der Hypothese wurde ein großangelegtes Experiment durchgeführt: Die verkohlten Wülste wurden an 3D-Röntgengeräten am US-amerikanischen National Institute of Standards and Technology gescannt. Die mit Bleitinte geschriebenen Buchstaben traten auf den Aufnahmen hell hervor, und adaptive Software entrollte die virtuellen Rollen und las die Inschriften.
Ein tragbarer Scanner statt monatelanger Arbeit
Der entscheidende praktische Wert des neuen Ansatzes liegt in der Geschwindigkeit und Einfachheit der Auswahl. Jetzt genügt es zur Überprüfung einer Rolle, einen kompakten tragbaren Röntgenfluoreszenz-Scanner zu verwenden, der sofort feststellt, ob eine bestimmte Rolle Blei enthält. Papyri mit Bleitinte werden zu Prioritätskandidaten für eine vollständige tomographische Scanung. Dies wird die Arbeit des Vesuvius Challenge-Projekts erheblich beschleunigen und den Forschern zufolge in naher Zukunft das Lesen von Dutzenden zuvor unzugänglicher philosophischer, historischer und literarischer Werke der Antike ermöglichen.
Widersprüchliche Daten
Bei der Überprüfung der Veröffentlichungen wurden Unterschiede in den Schwerpunkten festgestellt. Einige Medien (darunter BBC und ukrainische Medien) präsentieren die Nachricht als die erste vollständige Entzifferung eines Textes oder zumindest eines Titels von einer verkohlten Rolle, während der Hauptfokus in der Beschreibung der Studie und in der PLOS-Publikation auf der neuen Methode zur Auswahl der Rollen anhand des Bleigehalts liegt und nicht auf einem konkreten gelesenen Text. Außerdem bleibt in den Quellen die Unsicherheit über den Besitzer der Villa bestehen: Entweder wird der Schwiegervater des Julius Cäsar oder der Philosoph Philodemus genannt. Beide Versionen werden ohne endgültige Auswahl angegeben und in dem Artikel als solche wiedergegeben, ohne Fakten zu ersetzen.