Etwa 20% der Restaurants und Cafés in Kiew könnten ihren Betrieb für die Winterperiode aufgrund neuer behördlicher Auflagen einstellen. Gemäß den jüngsten Vorschriften ist die Hauptstadtwirtschaft verpflichtet, bis zum 4. Dezember eigene Schutzräume oder sichere Bereiche einzurichten, um den Betrieb bei gelber Alarmstufe fortzuführen – eine Aufgabe, die sich für die Mehrheit der Unternehmer als unlösbar erwiesen hat.

Neue Kabinettsauflagen und eine Sackgasse für die Wirtschaft

Der neue Regierungsbeschluss überträgt den Restaurantbesitzern die direkte Verantwortung für die Sicherheit von Gästen und Personal während Luftangriffen. Die Restaurantmarktexpertin Olha Nasonova stellt fest, dass der Staat seine Funktionen im Wesentlichen auf die Unternehmer abwälzt, von denen die meisten solche strengen Bedingungen physisch nicht erfüllen können. Verschärft wird das Problem dadurch, dass sich nur 15-17% der Hauptstadteinrichtungen von vornherein in Kellerräumen befinden, die für die Anpassung als potenzielle Schutzräume geeignet sind.

Die meisten Cafés und Restaurants verfügen über leichte Trennwände aus Gipskarton oder Porenbeton, die keinen Schutz vor einer Druckwelle bieten. Selbst das Vorhandensein von tragenden Wänden oder Vorräumen erlaubt bestenfalls die Unterbringung von Mitarbeitern, keineswegs aber von Dutzenden Gästen im Gastraum. Das Abschließen von Verträgen mit nahegelegenen städtischen Schutzräumen stößt zudem auf rechtliche und logistische Hürden, da die Metro oder kommerzielle Keller in den zentralen Bezirken eine solche Möglichkeit nicht bieten.

Steigende Kellerpreise und ungelöste Kontrollfragen

Vor dem Hintergrund der neuen Beschränkungen in Kiew sind die Nachfrage und die Preise für Kellerräume, die zuvor selbst in Zeiten akuten Mangels an Gewerbeimmobilien leer standen, rasant gestiegen. Jene Unternehmer, die solche Flächen im Voraus erworben oder angemietet hatten, verschafften sich einen erheblichen Vorteil. Allerdings entspricht bei Weitem nicht jeder Keller den Sicherheitsstandards, und klare Mechanismen für die Durchführung von Gutachten und Inspektionen der Räumlichkeiten durch staatliche Stellen wurden bis heute nicht vorgelegt.

Vertreter des Gastronomiemarktes verweisen auf ein rechtliches Vakuum: Es bleibt völlig unklar, wer genau die Kontrollen während des Luftalarms durchführen wird, welche Strafen und Verantwortlichkeiten für Zuwiderhandelnde drohen. Unternehmerverbände bereiten bereits kollektive Appelle an die Behörden vor, in denen sie eine Überarbeitung des Beschlusses oder eine Klärung seiner Bestimmungen fordern sowie alternative Möglichkeiten zur Information der Kunden über nahegelegene Unterkünfte aufzeigen.

Winterpause und Aussichten für den Gastronomiemarkt

Angesichts des bevorstehenden Winters und neuer regulatorischer Hürden planen bis zu einem Fünftel der gastronomischen Betriebe der Hauptstadt eine vorübergehende Schließung. Die Inhaber versuchen, mit den Vermietern reduzierte Mietpreise für die Wintermonate auszuhandeln, um die Kosten für Personal, Brennstoffbeschaffung und Generatorbetrieb zu senken. Dies hilft, Unternehmen vor dem völligen Bankrott zu bewahren, in der Hoffnung auf eine Besserung der Lage bis zum Frühjahr.

Experten erwägen auch Optionen zur rechtlichen Formalisierung von Vereinbarungen mit Besuchern, ähnlich denen, die während der Coronavirus-Pandemie praktiziert wurden. Solche Dokumente könnten Betriebe von der Haftung befreien, falls sich ein Kunde während einer gelben Alarmstufe freiwillig im Saal aufhält. Dennoch wird die Gastronomiebranche der Hauptstadt ohne einen konstruktiven Dialog zwischen Wirtschaft und Staat mit Massenschließungen konfrontiert sein.