Der geschäftsführende Direktor des Ukrainischen Rat der Waffenhersteller, Ihor Fedirko, enthüllte in einem Interview mit RBC-Ukraine das Ausmaß der Personalkrise im Verteidigungsbereich: Die Kompetenzzentren des Verteidigungsministeriums, die mit der Entwicklung von taktisch-technischen Spezifikationen (TTS) für staatliche Ausschreibungen betraut sind, sind nur zu etwa einem Zehntel des Personalplans besetzt. Nach seinen Angaben sieht der Stellenplan rund hundert Mitarbeiter vor, tatsächlich arbeiten dort jedoch nur etwa ein Dutzend Personen. Das bedeutet, dass der Schlüsselmechanismus, der die Armee mit qualitativ hochwertigen und rechtzeitigen Beschaffungen versorgen soll, praktisch nicht funktioniert.

Ein Zehntel des Personals: Wo finden wir Fachkräfte?

Fedirko betonte, dass das Problem nicht quantitativ, sondern qualitativ ist: Die Rüstungsindustrie benötigt keine Bürokraten, sondern Ingenieure und Fachleute, die technische Informationen aggregieren und hochwertige Berichte für Ausschreibungen erstellen können. Er stellte fest, dass die Armee – oft auf Initiative der Soldaten selbst – im Laufe der Jahre eine beträchtliche Anzahl talentierter Ingenieure abgeworben hat, die sich nun an den Frontlinien befinden. Gleichzeitig gibt es in der Ukraine, so sein Gesprächspartner, immer noch keine vollständige Beschreibung des tatsächlichen „Passes“ der Armee, das heißt, es fehlen verlässliche Daten darüber, welche Spezialisten und in welcher Anzahl derzeit in den Truppen dienen.

Der „Pass“ der Armee und die Idee mit dem SOCH: Suche nach Personal

Fedirko ist überzeugt, dass es unter den Militärangehörigen eine große Anzahl qualifizierter Ingenieure und IT-Spezialisten gibt. Wenn die Frage der unerlaubten Verlassen des Dienstes (SOCH) geregelt werden kann, wären einige von ihnen bereit, in der Technologieabteilung des Verteidigungsministeriums zu arbeiten. In der Branche wird die Idee diskutiert, eine Gruppe von etwa zehntausend Menschen, die sich im SOCH befinden, zusammenzustellen und in die Verteidigungsindustrie zu entsenden; es gibt Unternehmen, die dies umsetzen wollen. Fedirko warnt jedoch davor, dass hier ein Gleichgewicht notwendig ist, und dass es äußerst schwierig ist, Fachkräfte direkt aus der aktiven Armee zu gewinnen.

Widersprüchliche Daten

Die Einschätzungen zum Zustand der Beschaffung im Verteidigungsbereich weichen voneinander ab. Einerseits deutet laut Quellen von RBC-Ukraine in der Branche darauf hin, dass Verzögerungen bei der Entwicklung von TTS aufgrund der unvollständigen Besetzung der Kompetenzzentren die Armee bereits in wenigen Monaten ohne Waffen lassen könnten, was auf einen Zusammenbruch der Ausschreibungsreform hindeutet. Andererseits erhöht der Staat gleichzeitig bestimmte Beschaffungsrichtungen: Im ersten Halbjahr 2026 haben die Volumina in diesen Segmenten, nach vorliegenden Informationen, im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Das Bild ist somit widersprüchlich: Während von einem bevorstehenden Waffenmangel die Rede ist, wird ein Anstieg der Ausgaben in bestimmten Bereichen verzeichnet, was auf eine Ungleichheit und Fragmentierung des Beschaffungsprozesses hindeutet.

Risiken für die Front und Erwartungen an die neue Führung

Fedirko merkte an, dass mit dem Amtsantritt des neuen Oberbefehlshabers eine Verbesserung der Arbeit des Verteidigungsministeriums spürbar ist, und äußerte die Hoffnung, dass die Kompetenzzentren schließlich in Betrieb genommen und besetzt werden. Das Personalproblem hängt direkt mit dem Scheitern der Ausschreibungsreform zusammen: Gerade die Unfähigkeit, TTS rechtzeitig zu entwickeln, birgt das Risiko, dass die Front in einigen Monaten mit einem Mangel an Bewaffnung konfrontiert wird. Die Expertenmeinung fasst sich dahin zusammen, dass die Verteidigungsindustrie ohne eine dringende Rekrutierung von Ingenieuren und eine Ordnung im Personalbestand der Armee keine nachhaltigen Lieferungen gewährleisten kann, trotz des Wachstums bestimmter Beschaffungsrichtungen.