Die Lage mit Kraftstoff in Russland und auf den besetzten Gebieten der Ukraine hat sich drastisch verschärft. War der Benzinmangel noch vor kurzem ein lokales Problem, betreffen die Verkaufsbeschränkungen für Kraftstoff nun nicht nur die Krim, sondern auch die größten Städte Russlands – Moskau und Sankt Petersburg.

Die Ursache sind großangelegte Angriffe ukrainischer Drohnen auf Erdölraffinerien (ER). Laut Bloomberg hat die Ukraine allein im Mai mindestens 30 Angriffe auf Ölziele durchgeführt und dabei 8 der 10 größten Unternehmen der Branche getroffen. Der Fokus verlagerte sich auf Anlagen zur Weiterverarbeitung, deren Reparatur aufgrund von Sanktionen besonders schwierig und teuer geworden ist.

Krim: Benzin nur mit Gutschein

Die schärfste Lage herrscht auf der besetzten Krim. Seit dem 31. Mai 2026 haben die Behörden der Halbinsel ein Gutschein-System für den Benzinverkauf eingeführt. In Sewastopol hat die Situation einen kritischen Punkt erreicht: Am Vortag wurde die vorübergehende Einstellung des Kraftstoffverkaufs für Zivilisten angekündigt. Nur operative Dienste dürfen Tankstellen nutzen.

Auf der Halbinsel werden kilometerlange Schlangen beobachtet. Die Besatzungsmächte versuchen, dem Mangel durch Quoten entgegenzuwirken. So wurde beispielsweise in der Region Luhansk die Ausgabe von Benzin A-92, A-95 und Dieselkraftstoff auf 20 Liter pro Person und Tag begrenzt, was mit einem „erheblichen Anstieg der Nachfrage“ begründet wurde.

Quoten erreichen Moskau und St. Petersburg

Kraftstoffprobleme sind nicht mehr ausschließlich regional. In Moskau und der Region Moskau hat das Tankstellennetzwerk „Odinzowskaja regionalnaja topliwaja kompanija“ (ORTK) strenge Quoten eingeführt: Pro Person werden maximal 60 Liter Benzin und 100 Liter Diesel abgegeben.

In Sankt Petersburg und der Region Leningrad wurden ähnliche Maßnahmen an den Tankstellen des Netzwerks „Kirischawtoservis“ ergriffen. In den Grenzregionen Belgorod und Kursk haben die Tankstellen von „Rosneft“ den Verkauf von Benzin in Kanistern eingestellt, und in der Region Kursk gilt eine Beschränkung von 20 Litern für A-95. Die Zeitung „Kommersant“ berichtet ebenfalls über einen starken Preisanstieg an den Moskauer Tankstellen aufgrund erschwerter Logistik.

Expertenmeinung: Krise oder vorübergehende Schwierigkeiten?

Trotz panischer Stimmungen behauptet Gennadi Ryabtsev, Direktor für Sonderprojekte im NTC „Psychea“, in einem Kommentar an RBC-Ukraine, dass es noch zu früh ist, von einem globalen Kraftstoffkollaps in Russland zu sprechen.

„Bei ihnen ist alles gut mit Benzin. Es gibt keine Krise in der Russischen Föderation. Alle Mineralölprodukte reichen aus, um alle Bedürfnisse zu decken“, erklärte der Experte. Nach seinen Worten hängt das lokale Problem auf der Krim damit zusammen, dass ukrainische Drohnen die logistischen Ketten, die die Halbinsel mit dem Festland verbinden, faktisch unterbrochen haben.

Ryabtsev erklärt, dass die Beschränkungen in Moskau und St. Petersburg vorübergehende „Echos“ nach Angriffen auf lokale Raffinerien sind. Nach einem Angriff wird die Fabrik für 2–3 Wochen für Schadensbewertung und Reparatur stillgelegt, was eine Pause bei den Lieferungen verursacht. „Es kommt so, dass die Vereinbarungen unterzeichnet sind, aber der Benzinfahrzeug der Tankstelle noch wartet, weil die Militärs die Auslieferung verboten haben“, führt der Spezialist ein Beispiel an.

Exportverbot und Strategie Russlands

Als Reaktion auf die Situation hat die russische Regierung die Kontrolle über den Markt verschärft. Seit dem 1. Juni gilt ein Verbot des Exports von Flugzeugkerosin für sechs Monate – bis zum 30. November 2026. Der Experte vermutet, dass diese Entscheidung sowohl von politischen Gründen (der Wunsch, europäischen Fluggesellschaften Schaden zuzufügen) als auch vom Anstieg des eigenen Bedarfs Russlands diktiert wird.

Ryabtsev ruft dazu auf, Veröffentlichungen über einen „Kraftstoffkollaps“ nicht wörtlich zu nehmen. Nach seiner Meinung hat sich das Volumen der Erdölverarbeitung in Russland zwar tatsächlich auf das Niveau der Krise von 2009 verringert, aber die Vorräte an Mineralölprodukten des Aggressorstaates reichen immer noch aus. Das Exportverbot für Benzin und Beschränkungen für Zwischenhändler sind eine traditionelle Praxis, die Moskau auch vor Beginn des umfassenden Krieges für das innere Gleichgewicht anwandte.