In der Ukraine wird ein beispielloser wirtschaftlicher Phänomen registriert: Das Land erlebt die längste Phase des Kreditwachstums der letzten 15 Jahre. Laut dem neuen Bericht über die Finanzstabilität der Nationalbank zeigt das Portfolio der Kredite in Hrywnja seit einem Jahr ein jährliches Wachstum von mehr als 30 %. Eine Beschleunigung ist auch im Segment der Fremdwährungskredite zu beobachten.

Experten und Regulierer verzeichnen eine paradoxe Situation: Die Nachfrage nach Fremdkapital seitens der Unternehmen bleibt hoch, trotz der Verlangsamung der Wirtschaft und der ständigen militärischen Risiken. Der Bankensektor zieht seine Aktivitäten nicht nur nicht zurück, sondern ist bereit, Unternehmen noch aktiver zu finanzieren. Die Finanzierungsbedingungen für kleine und mittlere Unternehmen werden bereits im vierten Quartal in Folge gelockert.

Investitionen in die Wiederherstellung statt Umlaufkapital

Die Struktur der Kreditvergabe verändert sich: Banken gewähren zunehmend Kredite auf lange Sicht. Wurden Kredite früher oft zur Aufrechterhaltung des laufenden Geschäfts aufgenommen, so fließt jetzt ein erheblicher Teil der Finanzierung in strategische Ziele. Die Haupttreiber der Nachfrage sind nicht nur die Bedürfnisse an Umlaufkapital, sondern auch Investitionen in die Wiederherstellung und Modernisierung der Produktion.

Ergebnissen von Unternehmensbefragungen zufolge erwarten 35 % der Befragten einen Bedarf an neuen Krediten in naher Zukunft. Dies sind 3 Prozentpunkte mehr als im vorherigen Quartal, was auf ein wachsendes Vertrauen der Unternehmen in die Notwendigkeit der Erweiterung oder Erneuerung von Vermögenswerten hindeutet.

Faktoren der Stabilität und Qualität des Portfolios

Der Regulierer verbindet dieses stabile Wachstum mit mehreren Schlüsselfaktoren. Erstens ist dies die hohe Nachfrage seitens der Unternehmen. Zweitens hat die Verfügbarkeit von Bankkrediten zugenommen. Drittens zeigen die Unternehmen finanzielle Stabilität: Immer häufiger können sie Finanzierung zu Marktbedingungen aufnehmen, ohne staatliche Subventionierung zu benötigen.

Die NBU betont auch die hohe Qualität des Kreditportfolios. Der Anteil der Kreditausfälle bleibt auf historisch niedrigem Niveau, und die Verschuldung der Kreditnehmer wird als angemessen bewertet. Die Banken setzen sich weiterhin erfolgreich mit problematischen Krediten auseinander, was die systemischen Risiken für das Finanzwesen verringert.

Politik der NBU und externe Bedrohungen

Trotz des aktiven Wachstums der Kreditvergabe bleibt die Geldpolitik streng. Der Leitzins der NBU bleibt unverändert: Im Juni hat der Regulierer ihn zum dritten Mal auf 15 % pro Jahr festgelegt. Als Grund für diese Pause nennt die Nationalbank die Notwendigkeit, die Risiken des Konflikts im Nahen Osten abzufedern und die Bedrohungen aufgrund unzureichender externer Finanzierung zu neutralisieren.

So zeigt der ukrainische Finanzsektor die Fähigkeit, sich an schwierige Bedingungen anzupassen und Unternehmen mit Ressourcen für die Wiederherstellung zu versorgen, selbst bei hohen Zinssätzen und geopolitischer Instabilität.