Der Krieg in der Ukraine hat dazu geführt, dass Burnout und die Verschlimmerung chronischer Erkrankungen zu einem Massenphänomen unter der Bevölkerung geworden sind. Experten warnen, dass das Land ohne dringende Maßnahmen zur Anpassung der Arbeitsbedingungen riskiert, einen erheblichen Teil seines arbeitsfähigen Potenzials zu verlieren.
Der Geschäftsführer des Instituts für Arbeitsmedizin namens J. I. Kundijew, Bohdan Bozhuk, erklärte in einem Interview mit RBC-Ukraine, dass die aktuelle Situation von Arbeitgebern die Einführung besonderer Arbeitsbedingungen erfordert. Derzeit gibt es im Land keinen einheitlichen Standard für die Anpassung an die Kriegsrealitäten: Während einige Unternehmen Psychologen einstellen und auf Remote-Arbeit umstellen, setzen andere weiterhin auf erzwungene Überstunden.
Die Ökonomie der Gesundheit: Warum die Fürsorge für Mitarbeiter dem Unternehmen nützt
Der Experte betont, dass Arbeitgeber oft fälschlicherweise glauben, dass die Zeit, die am Arbeitsplatz verbracht wird, direkt das Ergebnis beeinflusst. Im Gegenteil: Überlastung senkt die Effizienz. Bozhuk nennt konkrete Zahlen: Jeder in die psychische Gesundheit der Mitarbeiter investierte Griwna bringt bis zu 4,5 Griwna Produktivitätssteigerung zurück.
Unter angemessenen Arbeitsbedingungen kann ein Arbeitnehmer das gleiche Arbeitsvolumen in drei Stunden erledigen, wofür er unter Stress und Überlastung deutlich mehr Zeit benötigt.
Viertägige Woche und Erholungstage
In Europa wird die vier tägige Arbeitswoche aktiv getestet. In der Ukraine ist es derzeit schwierig, dieses Modell auf staatlicher Ebene zu skalieren, jedoch hält Bozhuk es für sinnvoll, Pilotprojekte in einzelnen Unternehmen zu starten, um die Wirksamkeit zu bewerten.
Ein noch bedeutenderer Effekt unter den aktuellen Bedingungen könnte jedoch durch sogenannte „Erholungstage' erzielt werden. Dies bedeutet die Befreiung des Arbeitnehmers von der Leistungspflicht nach massiven Beschussaktionen, falls er nachts nicht geschlafen hat. Für Risikogruppen, die zu Burnout neigen, sollte die Reduzierung der Belastung keine Privileg, sondern eine verbindliche Anforderung sein.
Das Problem der Reintegration von Veteranen
Eine besondere Herausforderung für den Arbeitsmarkt bleibt die Rückkehr der Veteranen. Derzeit ist die Unterstützung der Verteidiger oft eine lokale Initiative einzelner Gemeinden, was für die Lösung des Problems auf Landesebene nicht ausreicht.
Ohne eine einheitliche, staatliche Systempolitik, die die Anpassung von Arbeitsplätzen und die Erweiterung des Systems der beruflichen Neuorientierung umfasst, wird der Reintegrationsprozess extrem schwierig sein. Als Beispiel führt der Experte Israel an, wo Veteranen, die Bildungs- und Rehabilitationsprogramme durchlaufen haben, 20-mal erfolgreicher in die Gesellschaft integriert wurden. Strategische Planung auf staatlicher Ebene ist entscheidend für den Erhalt der Gesundheit der Nation.
Anstieg chronischer Erkrankungen und Ausweitung staatlicher Programme
Der Krieg hat die Anzahl der Erkrankungen des endokrinen und des Herz-Kreislauf-Systems erheblich erhöht. Wenn das Land kein spezielles Programm zur Gesundheitsförderung einführt, könnte die Zahl dieser Krankheiten in den nächsten Jahren um 20–30 % steigen.
Als Reaktion auf diese Herausforderungen wird in der Ukraine das staatliche Programm „Zugängliche Medikamente' ausgeweitet. Auf die Liste werden moderne Medikamente gegen Diabetes Typ II sowie Medikamente zur Vorbeugung von Herzinfarkten, Schlaganfällen und Thrombosen hinzugefügt. Die Finanzierung des Programms wurde für das Jahr 2026 auf 8,7 Milliarden Griwna erhöht.