In Russland entwickelt sich eine massive Treibstoffkrise. Laut Reuters und Branchenquellen deckt die Benzinproduktion nur etwa 65 % der saisonalen Nachfrage. Täglich fehlen dem Land 40.000 bis 45.000 Tonnen Kraftstoff – das ist fast ein Drittel des benötigten Volumens. In der sommerlichen Hochsaison steigt der Bedarf auf 115.000 bis 120.000 Tonnen pro Tag, doch die Kapazitäten der Raffinerien reichen nicht mehr aus.

Angriffe auf Raffinerien und Produktionsrückgang

Ursache für den drastischen Rückgang der Lieferungen waren Angriffe ukrainischer Drohnen auf Schlüssel-Ölraffinerien. Giganten wie die NORSI und die Omsker Raffinerie – zwei der größten Benzinproduzenten des Landes – wurden außer Gefecht gesetzt. Auch die Saratower Raffinerie erlitt Schäden. Diese Anlagen belieferten zuvor einen erheblichen Teil des Binnenmarktes.

Bereits im Juni lag der Mangel bei 25 %, doch bis Juli stieg er auf kritische Werte. Die internen Vorräte schwinden rapide, und die Wiederinbetriebnahme der Werke hängt vom Ausbleiben neuer Angriffe ab.

Import und Exportverbot

Die russische Regierung diskutiert die Einführung eines Exportverbots für Dieselkraftstoff, Flugzeugturbinenkerosin und Benzin. Gleichzeitig intensiviert das Land die Importe: Im Juni erreichten die Lieferungen aus Belarus einen Monatsrekord von bis zu 6.000 Tonnen Benzin pro Tag. Zudem begann Russland, wie Reuters-Quellen berichten, mit dem Seetransport von Kraftstoff aus Indien.

Reaktion von Behörden und Öffentlichkeit

Vizepremierminister Alexander Nowak gab die Schwere der Lage in einer Regierungssitzung öffentlich zu. Er stellte fest, dass „die aktuelle Situation an den Tankstellen Besorgnis in der Bevölkerung auslöst“.

Am Kurort Anapa wurden Kosaken herangezogen, um die Ordnung in den Warteschlangen an den Tankstellen aufrechtzuerhalten. Einer von ihnen, Jurij Komarow, berichtete, dass er dabei hilft, die Fahrer auf die einzelnen Zapfsäulen zu verteilen. Nach seinen Angaben hat sich das Verhalten der Käufer radikal verändert: Während man früher nur 10 Liter tankte, füllen die Menschen nun „für alle Fälle“ den gesamten Tank. Genau dies sei, so Komarow, die Ursache für den Andrang.

Prognosen und Einschränkungen

Branchenquellen gehen davon aus, dass sich der Markt in der zweiten Julihälfte stabilisieren könnte – vorausgesetzt, es gibt keine neuen Angriffe auf die Raffinerien. Dann könnten die Betriebe schrittweise wieder arbeiten und die Importe würden steigen.

Die Benzinpreise in Russland erreichten bereits im Juni einen 20-Jahres-Rekord. Dutzende Regionen, darunter der Autonome Kreis der Chanten und Mansi (wo etwa 40 % der russischen Erdölförderung stattfindet), haben Verkaufsbeschränkungen für Kraftstoff eingeführt. Ende Juni wandte sich Moskau mit der Bitte an Kasachstan, 50.000 Tonnen Benzin der Sorte AI-92 zu liefern.