Im August 2026 präsentierte der unabhängige französische Entwickler Théo Ducreux im Rahmen des Projekts ValidateHTML die Ergebnisse einer umfassenden Prüfung der Webcode-Qualität. Die Studie umfasste die 5.000 meistbesuchten Domains weltweit, und die Ergebnisse waren für die Branche schockierend: Fast neun von zehn Websites enthalten Fehler, die gegen die grundlegenden Standards des World Wide Web verstoßen. Dies zeugt von einer systemischen Krise in der Softwareentwicklung, bei der die Geschwindigkeit der Markteinführung eines Produkts oft höher bewertet wird als seine technische Korrektheit und Zugänglichkeit.

Das Ausmaß des Problems: 100.000 Verstöße

Bei der Analyse der Stichprobe von 5.000 Domains stellte sich heraus, dass nur 2.656 davon vollwertige Websites sind, die für Menschen bestimmt sind. Die restlichen Adressen dienten als technische Domains (z. B. die Google-Infrastruktur „gstatic'). Dennoch ist die Situation selbst unter den „menschlichen' Websites kritisch. Insgesamt wurden auf allen geprüften Ressourcen mehr als 100.305 Verstöße gegen die Korrektheit des HTML-Codes festgestellt, einschließlich der HTML5-Spezifikationen, sowie fast 19.000 CSS-Fehler.

Die Statistik der Fehlerfreiheit sieht noch beängstigender aus: Nur bei 12,8 % der Websites wurde der Code als korrekt eingestuft. Vollständig „saubere' Ressourcen, die keinen einzigen Fehler und keine einzige Warnung ausgelöst haben, waren lediglich 2,6 %. Das bedeutet, dass die überwältigende Mehrheit der Internetnutzer täglich mit technisch fehlerhaften Seiten interagiert, was zu einer unvorhersehbaren Darstellung von Inhalten auf verschiedenen Geräten führen kann.

Krise der Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderungen

Eines der schwerwiegendsten Probleme, die bei der Prüfung festgestellt wurden, ist die Unzugänglichkeit von Webressourcen für Menschen mit Sehbehinderungen. Mehr als ein Drittel der Websites bestand den Barrierefreiheits-Test nicht, was bedeutet, dass sie von Screenreadern (Vorleseprogrammen) nicht korrekt verarbeitet werden. Die Standards von W3C und WHATWG wurden genau dafür entwickelt, eine einheitliche Interpretation von Inhalten durch alle Browser und assistiven Technologien zu gewährleisten, doch in der Praxis werden diese Normen ignoriert.

Auch die wichtigsten Kennzahlen zur Barrierefreiheit liegen auf einem kritisch niedrigen Niveau. Der Alternativtext (Alt-Text) für Bilder, der oft lebenswichtige Informationen für blinde Nutzer enthält, fehlt auf 20,4 % der Websites. Darüber hinaus fehlen auf 41,6 % der Seiten im Code vollständig ARIA-Markierungen – spezielle Attribute, die Bereiche der Seite identifizieren und die Navigation für Screenreader unterstützen.

Die „schuldigen' Browser und Frameworks

Experten nennen zwei Hauptverantwortliche für die aktuelle Situation: die Entwickler und die Browser selbst. Ungültiger Code ist oft ein Nebenprodukt der Arbeit mit modernen Frameworks. Der häufigste Fehler ist eine fehlerhafte Verschachtelung von Tags, die technisch unzulässig ist, aber im generierten Code häufig vorkommt.

Der Hauptgrund ist jedoch die „Unempfindlichkeit' moderner Browser. Sie sind so intelligent, dass sie Codefehler ignorieren und automatisch das gewünschte Seitenbild wiederherstellen können. Dies erzeugt bei Entwicklern eine Illusion der Sicherheit: Wenn die Website in Chrome oder Safari normal aussieht, ist alles in Ordnung. Leider verfügen Screenreader nicht über diese „Robustheit' und erfordern die strikte Einhaltung von Standards, um den Inhalt dem Nutzer korrekt vorzulesen.