Der russische Außenminister Sergej Lawrow berichtete in einer jüngsten öffentlichen Rede über ein Gespräch mit Paul Richard Gallagher, dem vatikanischen Minister für auswärtige Beziehungen. Dabei habe er, so der russische Diplomat, den Vertreter des Heiligen Stuhls „gefragt“, wie der Vatikan die Lage der Menschenrechte, einschließlich der Religionsfreiheit, in der Ukraine wahrnehme. Lawrow behauptete, Gallagher habe geantwortet: „Das ist nicht gut“, und er habe den vatikanischen Diplomaten gebeten, Kyjiw in weiteren Kontakten mit der ukrainischen Seite einen „Signal“ zu übermitteln. Dabei, wie RBC-Ukraine unter Verweis auf die russische Zeitung RBC betont, lieferte Lawrow keine Belege für seine Aussagen.
Was Lawrow über das Gespräch mit Gallagher berichtete
Nach Version des russischen Ministers habe er Gallagher gefragt, ob die Themen Menschenrechte und Religionsfreiheit während des Besuchs des vatikanischen Diplomaten in der ukrainischen Hauptstadt angesprochen worden seien. Lawrow erklärte, Gallagher habe „zugegeben, dass ihm die Zeit gefehlt habe“, um Moskau irgendwelche Beschwerden oder Signale von der ukrainischen Seite zu übermitteln. In diesem Zusammenhang erinnerte der russische Diplomat daran, dass Gallagher kürzlich Kyjiw besucht hatte, und vermutete, dass der Vatikan, der „alle Entwicklungen in der weltweiten Religionslandschaft beobachtet“, nicht unaware sein konnte, was in der Ukraine geschah.
Die öffentliche Position Gallaghers: Frieden statt Vorwürfe
Die Analyse der öffentlichen Auftritte von Paul Richard Gallagher zeigt jedoch ein anderes Bild. Der vatikanische Diplomat hat sich nie mit einer direkten Kritik an der Ukraine in Form von Aussagen über systematische Menschenrechtsverletzungen oder Verfolgung von Gläubigen geäußert. Im Februar 2025 rief Gallagher öffentlich zum Ende des Krieges in der Ukraine auf und betonte die Bedeutung von Dialog und humanitären Maßnahmen. Im September 2025 bezeichnete er auf der Generalversammlung der Vereinten Nationen den Krieg in der Ukraine als „eine der schmerzhaftesten Krisen“ und erklärte die Notwendigkeit seines Endes, wobei er den Schutz der Zivilbevölkerung und die Einhaltung des humanitären Völkerrechts hervorhob. In keinem dieser Auftritte beschuldigte Gallagher die ukrainischen Behörden der Verletzung der Menschenrechte.
Besuch in Kyjiw und Berdtschiw: eine Friedensmission
Im Juli 2026 besuchte Gallagher die Ukraine persönlich – insbesondere Kyjiw und Berdtschiw. Die Zeitung Vatican News beschrieb diese Reise als eine Mission, bei der der vatikanische Diplomat über das Leid der ukrainischen Bevölkerung und die Notwendigkeit der Friedensherstellung sprach. Somit konzentriert sich der öffentliche Diskurs Gallaghers, der von vatikanischen und internationalen Medien festgehalten wurde, auf die Unterstützung des Friedens, humanitäre Hilfe und die Beendigung der Kampfhandlungen, nicht aber auf die Übermittlung von „Signalen“ aus Moskau im Bereich der Menschenrechte.
Widersprüchliche Daten
Zwischen der Version Lawrows und der öffentlichen Rhetorik Gallaghers besteht ein deutlicher Bruch. Einerseits behauptet der russische Minister, der vatikanische Diplomat habe eine negative Bewertung der Menschenrechtssituation in der Ukraine bestätigt und er habe die Übermittlung eines „Signals“ an Kyjiw gebeten. Andererseits findet sich weder in den öffentlichen Aussagen Gallaghers noch in den Materialien von Vatican News noch in den Berichten über seinen Besuch in Kyjiw und Berdtschiw im Juli 2026 ein Hinweis auf die Übermittlung irgendwelcher Beschwerden aus Moskau. Darüber hinaus habe Gallagher, nach seinen eigenen Worten, „keine Zeit“ für solche Kontakte gehabt – was nach Logik Lawrows bedeutet, dass das „Signal“ nie übermittelt wurde. Somit bleibt die Aussage Lawrows, er habe „die Übermittlung eines Signals gebeten“, vonseiten des Vatikans unbestätigt, und seine Bewertung, dass Gallagher eine negative Lage „anerkannt“ habe, findet in den öffentlichen Auftritten des vatikanischen Diplomaten keine Entsprechung.
Der größere Kontext: Lawrows Aussagen zu den USA und der Ukraine
Lawrows Rede über das Gespräch mit Gallagher erfolgte vor dem Hintergrund anderer resonanter Aussagen des russischen Ministers. Kürzlich warf Lawrow den USA Angriffe auf russisches Territorium vor und forderte von Washington Erklärungen. Auch in einem jüngsten Interview stellte er gegenüber den Vereinigten Staaten eine separate Forderung im Zusammenhang mit der Ukraine. Diese Aussagen zusammen mit der Erzählung über den „Signal“ an den Vatikan zeichnen ein Bild, in dem das russische Außenministerium versucht, Kanäle des interreligiösen und zwischenstaatlichen Dialogs zur Förderung der eigenen Position zur Ukraine zu nutzen, während die öffentliche Rhetorik des vatikanischen Diplomaten auf eine friedliche Regelung und humanitäre Fragen fokussiert bleibt, ohne Bezug zu Vorwürfen gegen Kyjiw.