Morgens am 5. Juni trat an der Frontlinie in unmittelbarer Nähe des Kernkraftwerks Saporischschja ein lokales Waffenstillstandsabkommen in Kraft. Diese beispiellose Entscheidung wurde getroffen, um dringend notwendige Reparaturen an Hochspannungsleitungen durchzuführen, von denen direkt die Verhinderung einer nuklearen Katastrophe abhängt.

Die Informationen über das Waffenstillstandsabkommen bestätigt die Pressestelle der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). Unter strenger Aufsicht internationaler Experten werden Techniker beider Konfliktparteien in den kommenden Tagen mit der Wiederherstellung der Schäden an der 750-kV-Hochspannungsleitung „Dnepr“ beginnen. Die Arbeiten werden nach einer umfassenden Entminung des Geländes aufgenommen.

Kritische Abhängigkeit von einer einzigen Leitung

Die Lage im größten Kernkraftwerk Europas hat einen kritischen Punkt erreicht. Die Leitung „Dnepr“ wurde vor mehr als zwei Monaten abgeschaltet. Infolgedessen ist das Kraftwerk vollständig von der einzigen verbleibenden 330-kV-Leitung abhängig. Genau diese versorgt die Kühlsysteme der sechs stillgelegten Reaktoren mit Strom.

In den letzten Wochen war auch die Stabilität dieser letzten Leitung bedroht. Mehrmals verlor das ZNPP den Zugang zu ihr, was das Personal zwang, Notdieselgeneratoren zu starten. Dies ist eine letzte Maßnahme, die keine langfristige Lösung zur Gewährleistung der Sicherheit der Anlage darstellen kann.

Komplexe Verhandlungen und technische Hindernisse

Das aktuelle Waffenstillstandsabkommen ist das sechste vorübergehende Feuerstillstandsabkommen seit Beginn der Verhandlungen des IAEA-Generaldirektors Rafael Grossi mit Russland und der Ukraine. Ziel des Dialogs war die Sicherstellung der externen Stromversorgung und die Garantie der nuklearen Sicherheit.

Grossi stellte fest, dass beide Seiten während der heiklen Verhandlungen einen konstruktiven Ansatz demonstriert haben, indem sie sich auf eine Pause in den Kampfhandlungen zur Verhinderung einer Katastrophe einigten. Die technische Seite der Angelegenheit bleibt jedoch komplex: Der Ort des Leitungsschadens befindet sich an den Spitzen hoher Masten, die die Kontrolllinie am Fluss Dnepr überqueren.

„Die IAEA wird weiterhin alles in ihrer Macht Stehende tun, um Menschen und Umwelt vor dem Risiko einer nuklearen Katastrophe zu schützen, die niemandem nützen wird und nur die Zerstörungen und Leiden des Krieges verstärken wird“, betonte der Leiter der Agentur.

Kontext der jüngsten Ereignisse

Die Notwendigkeit einer dringenden Reparatur entstand vor dem Hintergrund einer Verschärfung der Lage rund um das Kraftwerk. Am 3. Juni blieb das vorübergehend besetzte ZNPP zum 17. Mal ohne externe Stromversorgung, nachdem ein Drohnenangriff auf ein Umspannwerk am gegenüberliegenden Ufer des Dnepr erfolgte. Die Last musste auf Notdieselgeneratoren verlagert werden, was die nukleare Sicherheit erneut gefährdete.

Zusätzliche Spannung in die Situation brachte der Beschuss des Wärmekraftwerks Saporischschja am Morgen des 4. Juni. Dies birgt ernsthafte Risiken für die Stromversorgung des Kernkraftwerks. Zuvor hatten IAEA-Inspektoren, die das Kraftwerk nach Angaben der Besatzungsmacht über Schäden besucht hatten, ein normales Strahlungsniveau bestätigt. Während der Prüfung musste die Mission jedoch die Inspektion unterbrechen und sich aufgrund von Drohnenlärm und Schüssen in unmittelbarer Nähe der Anlage in Deckung begeben.