Während in den meisten Regionen der Erde eine Abschwächung des geomagnetischen Feldes registriert wird, zeigt sich über dem Gebiet der Ukraine eine einzigartige und entgegengesetzte Tendenz. In den letzten 125 Jahren ist die Intensität des Magnetfelds in dieser Region um 4.000 Nanotesla gestiegen. Dies erklärte Professor Michail Orliuk vom Institut für Geophysik der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine (benannt nach S.I. Subbotin) in einem Interview mit RBC-Ukraine.
Der geomagnetische Paradoxon
Die tiefen Prozesse im Erdinneren verlaufen extrem ungleichmäßig. Während in den Zonen der Südlichen Atlantik-Anomalie und des Karibischen Beckens die Intensität des Magnetfelds rapide abnimmt – etwa um 100 bis 120 Nanotesla pro Jahr –, wird in Europa und insbesondere in der Ukraine der gegenteilige Effekt registriert.
Laut Berechnungen für das Kiewer Magnetische Observatorium ist das Magnetfeld in 125 Jahren um 4.000 Nanotesla gestiegen. Zum Vergleich: Eine Änderung von bereits 500 bis 600 Nanotesla gilt als ernsthafte Anomalie. Diese Indikatoren deuten darauf hin, dass das Erdinnere unter unserer Region in einem Zustand aktiver Transformation ist, der die geomagnetische Struktur ganz Europas bestimmt.
Lokale Anomalien und Navigation
Das Territorium der Ukraine verfügt über ein einzigartiges Spektrum geologischer Strukturen, was sich deutlich auf der geomagnetischen Karte widerspiegelt. Die intensivsten Anomalien konzentrieren sich in Zonen mit starken Magnetfeldern. In diesen Bereichen erreichen die Abweichungen vom „normalen' Feld 30.000 bis 40.000 Nanotesla.
Derartige lokale Anomalien beeinflussen Parameter wie die magnetische Deklination erheblich, die für die Navigation von kritischer Bedeutung ist. Aus diesem Grund führt das Institut für Geophysik kontinuierliche Messungen durch, um die Bedürfnisse der ukrainischen Luftfahrt zu erfüllen.
Fehlende Bedrohung durch Katastrophen
Trotz der aktiven Veränderungen gibt es derzeit keine Anhaltspunkte für sofortige katastrophale Folgen oder eine Bedrohung globalen Ausmaßes. Wissenschaftler betonen, dass die Prozesse der Veränderung des Magnetfelds über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg stattfinden.
„Wir befinden uns zwar tatsächlich in einer Phase aktiver Veränderungen des Magnetfelds, aber diese geschehen nicht augenblicklich. Es sind Prozesse, die sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte erstrecken, daher gibt es keine Grundlage, von radikalen Veränderungen innerhalb weniger Tage oder Jahre zu sprechen', so Orliuk.
Zu beachten ist, dass ukrainische Wissenschaftler diese Daten für praktische Zwecke nutzen. Mit Hilfe neuer digitaler geomagnetischer Karten wird eine Navigationstechnologie für Drohnen entwickelt, die es ermöglicht, sich im Gelände ohne GPS zu orientieren.