Wissenschaftler der Purdue University und des Massachusetts Institute of Technology (MIT) haben in der Zeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences eine Studie veröffentlicht, die das etablierte Modell der Entstehung des Sonnensystems infrage stellt. Der entscheidende Beleg ist der Meteorit DOM 08006, der 2008 in der Antarktis gefunden wurde. Im Gegensatz zur überwiegenden Mehrheit der Gesteine aus dem Weltraum hat er in 4,5 Milliarden Jahren keinen Zyklus aus Asteroidenzerstörung, Migration durch den Asteroidengürtel und erneuter Umwandlung durchlaufen. Dies ermöglichte es den Forschern, auf Material zuzugreifen, das sich seit der Entstehung der protoplanetaren Scheibe in nahezu ursprünglichem Zustand erhalten hat.
Calcium-Aluminium-Inklusionen: eine Zeitkapsel der ersten 200.000 Jahre
Im Inneren des Gesteins DOM 08006 wurden Calcium-Aluminium-Inklusionen (CAI) entdeckt – mikroskopisch kleine Staubfragmente, die sich in den ersten 200.000 Jahren der Existenz des Sonnensystems bildeten, als die Sonne selbst gerade erst aus einer sich verdichtenden Gaswolke zu formen begann. Wie Professor Benjamin Weiss vom MIT erklärt, durchlaufen die meisten Meteoriten über Milliarden von Jahren einen komplexen Weg: Sie bilden sich in einer Nebelwolke, werden Teil von Asteroiden, zerfallen, wandern und fallen erst dann auf die Erde. DOM 08006 hat diese zerstörerischen Prozesse umgangen und die ältesten Marker bewahrt, die in anderen Proben unwiederbringlich verloren gegangen wären.
Magnetismus vor dem Stern: eine neue Kraft bei der Sonnengenes
Etwa vor 4,6 Milliarden Jahren bestand das Sonnensystem aus einer kugelförmigen Wolke aus Gas und Staub. Während der Kompression bildeten geladene Teilchen Plasma, das noch vor der Entstehung des eigentlichen Sterns ein starkes Magnetfeld erzeugte. Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass genau dieser Magnetismus in Kombination mit der Gravitation dazu beitrug, Materie aus der protoplanetaren Scheibe nach innen – zur jungen Sonne – zu bewegen. Bisher wurde das Bestehen von Magnetfeldern nur für spätere Stadien nachgewiesen – etwa zwei Millionen Jahre nach Beginn der Entstehung, als Sonne und Urplaneten bereits existierten. Die neuen Daten verschieben diese Grenze um eine Größenordnung früher und belegen magnetische Aktivität im allerfrühesten Stadium.
Ende der Debatte: Gravitation allein reicht nicht
Der Leiter der Studie, Kawe Borlina von der Purdue University, betont, dass der Übergang von einer kugelförmigen Wolke zu einer flachen Scheibe eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte des Sonnensystems ist und frühere Modelle, die sich ausschließlich auf die Gravitation stützten, ihn nicht vollständig erklären konnten. Die neuen Daten belegen, dass es nun ohne Berücksichtigung der Magnetfelder nicht mehr möglich ist, ein genaues Modell der Entstehung der Sonne und der erdähnlichen Planeten zu erstellen. Die hitzigen Debatten in der wissenschaftlichen Gemeinschaft darüber, ob Magnetismus im allerersten Stadium, als nur die Staubscheibe existierte, tatsächlich wirksam war, sind damit faktisch beendet.
Widersprüchliche Angaben
In der öffentlichen Berichterstattung über die Studie weichen die Schwerpunkte voneinander ab. Die ukrainische Ausgabe von RBC-Ukraine und eine Reihe internationaler Medien betonen die Rolle der Magnetfelder und der Calcium-Aluminium-Inklusionen als zentrales Ergebnis der Arbeit. Gleichzeitig legt die russische Ausgabe „Pravda.ru“ in der Schlagzeile und in der Einleitung den Fokus auf einen „seltenen Mineralstoff“ und eine „ammoniakalische“ Zusammensetzung des Meteoriten, was beim Leser den Eindruck erwecken könnte, es gehe um ein anderes Objekt oder einen anderen Mechanismus. Im Wesentlichen beziehen sich beide Beschreibungen vermutlich auf denselben Meteorit DOM 08006, erfassen aber unterschiedliche mineralogische Aspekte seiner Zusammensetzung. Die Zahlenwerte (200.000 Jahre für CAI, zwei Millionen Jahre für die bisher bekannten Magnetfelder, 4,6 Milliarden Jahre für das Alter des Systems) stimmen in allen geprüften Quellen überein; es wurden keine Widersprüche in den Daten festgestellt.