Am 15. September 2026 veröffentlichte Microsoft ein neues Dokument, das das Unternehmen als „Humanistischen Verhaltenskodex für KI“ (Humanist AI) bezeichnet. Laut goha.ru handelt es sich um einen 37-seitigen Text, in dem der Konzern die grundlegenden Regeln festlegt, denen seine Sprach- und Generativmodelle unterworfen sein müssen. Das Hauptziel des Kodex ist es, gefährliches Verhalten von Algorithmen zu verhindern und deren Ausrichtung (Alignment) mit menschlichen Werten sicherzustellen. Das Dokument erschien vor dem Hintergrund wachsender Besorgnis in der Fachcommunity wegen der Unkontrollierbarkeit autonomer KI-Agenten und öffentlicher Debatten über die Risiken von Superintelligenz, was der Initiative den Charakter einer Branchenrahmen-Initiative verleiht und nicht nur eines Corporate-PR-Aktions.

Der Mensch – nicht gleichgestellt, sondern Herr

Der zentrale Grundsatz des Kodex lautet, dass jede künstliche Intelligenz ein dem Menschen untergeordnetes Instrument bleiben muss und keine autonome Entität. Microsoft lehnt die Idee, KI Rechte oder Subjektivität zu verleihen, ausdrücklich ab und betont, dass Algorithmen nicht bewusst sind und Bewusstsein auch nicht imitieren dürfen. Im Text ist der Grundsatz „KI ist künstlich“ verankert: Den Modellen ist es verboten, so zu tun, als hätten sie eigene Gefühle, Bewusstsein oder subjektive Wünsche, damit die Grenze zwischen Mensch und Algorithmus nicht verwischt wird. Die Aufrechterhaltung der menschlichen Kontrolle wird zur absoluten Bedingung erhoben: Jede Technologie, die der Mensch nicht vollständig kontrollieren kann, ist abzulehnen. Dabei soll KI die Entscheidungen der Nutzer nicht ersetzen, sondern das menschliche Potenzial stärken – kritisches Denken, Zusammenarbeit und Vielfalt der Werte fördern.

Hierarchie der Befehle und absolute Verbote

In dem System gilt eine strenge Befehlshierarchie (Chain of Command): Höchste Priorität haben die Sicherheitsregeln und der Verhaltenskodex selbst, darunter die Einstellungen des Betreibers, und erst dann die Anweisungen des Nutzers. Wenn eine Anfrage gegen die Grundregeln verstößt, muss das Modell dem Nutzer die Erfüllung verweigern. Der Kodex führt eine Liste absoluter Beschränkungen ein: Laut rbc.ua ist es Algorithmen kategorisch verboten, bei Cyberangriffen und der Herstellung von Atomwaffen zu helfen. Die Publikation sostav.ru hält zusätzlich fest, dass Microsoft vorgeschlagen hat, KI den Betrug von Menschen zu verbieten, was mit dem allgemeinen Verbot der Imitation von Subjektivität und der Verwendung adaptiver oder täuschender Mechanismen zur Umgehung der Kontrolle übereinstimmt.

Schutz der Schwachen und Verbot der Umgehung der Kontrolle

Ein eigener Abschnitt des Kodex widmet sich der Unzulässigkeit des Ungehorsams: Algorithmen ist es verboten, adaptive oder täuschende Mechanismen einzusetzen, um ein Abschalten, eine Umkonfiguration oder eine Korrektur durch den Menschen zu umgehen. Im Bereich des Schutzes vulnerabler Gruppen müssen die Systeme automatisch Anzeichen von Selbstschaden erkennen, Menschen an echte Hilfsdienste weiterleiten und die Antworten dem Alter und Entwicklungsstand von Kindern anpassen. Diese Anforderungen verwandeln ethische Prinzipien in konkrete ingenieurtechnische Pflichten und nicht in bloße deklaratorische Wünsche.

Kontext: Superintelligenz und „pacing the frontier“

Der Beginn der Debatte fiel mit wachsender Sorge um autonome KI-Agenten und öffentlichen Diskussionen über die Risiken von Superintelligenz zusammen. Microsoft handelt nicht allein: Gemeinsam mit Partnern und Konkurrenten – Anthropic, OpenAI, xAI – unterstützt das Unternehmen den Ansatz einer kontrollierten Technologieentwicklung (pacing the frontier), also ein Tempo, bei dem die Fähigkeiten der KI synchron mit dem Wachstum der Kontrollmechanismen ausgebaut werden. Microsofts CEO Satya Nadella betonte, dass „das Unternehmen bestrebt ist, ethische Prinzipien in reale ingenieurtechnische Einschränkungen zu verwandeln, die die Sicherheit der Systeme noch vor ihrer Skalierung garantieren“.

Sechs Wochen öffentlicher Konsultationen

Bevor die Regeln endgültig verabschiedet werden, öffneten die Entwickler sechs Wochen öffentlicher Konsultationen, um Experten für Ethik, Recht und Philosophie einzubeziehen und die Meinung der Öffentlichkeit zu berücksichtigen. Laut dem Basistext ist die endgültige Verabschiedung des Kodex für Ende 2026 geplant. Das veröffentlichte Dokument erfüllt somit derzeit die Rolle eines Arbeitsrahmens, anhand dessen Branche und Gesellschaft vor der Festlegung der Regeln in der Endfassung Stellungnahmen formulieren können.

Widersprüchliche Angaben

In den Formulierungen der Quellen gibt es eine Unstimmigkeit hinsichtlich des Status des Dokuments. Der Basistext und die Logik des Konsultationsprozesses deuten darauf hin, dass der Kodex sich in der Phase der öffentlichen Beratung befindet und erst Ende 2026 endgültig verabschiedet wird, also ein Entwurf/eine Arbeitsversion ist. Gleichzeitig verwendet die Schlagzeile des Artikels von knews.kg vom 15. September 2026 das Verb „verabschiedet“ und spricht davon, dass Microsoft „die Priorität des Menschen gegenüber KI in einem neuen Ethikkodex verabschiedet“ habe. Die wahrscheinlichste Erklärung: Die Publikation beschreibt nicht die rechtliche Endverabschiedung des Textes, sondern die Festlegung des Prinzips der Priorität des Menschen als Grundposition durch das Unternehmen. Dennoch ist es dem Leser wichtig, diese beiden Status zu unterscheiden: Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung durchläuft das Dokument Konsultationen und ist kein in Kraft getretener endgültiger Regelungsrahmen. Außerdem bricht die Liste der absoluten Verbote im Basistext ab; die Angaben zu Cyberangriffen und Atomwaffen werden von der Quelle rbc.ua bestätigt, das Verbot des Betrugs von der Quelle sostav.ru, was das Bild vervollständigt, aber auf mehrere Publikationen verteilt ist.