Die Medizin steht nicht still, und viele gängige Empfehlungen, die noch vor einigen Jahrzehnten üblich waren, werden heute überdacht. Was früher als Normalität galt, kann sich heute als unwirksam oder sogar gefährlich erweisen. Die Gynäkologin und Endokrinologin sowie Ultraschallspezialistin Jelena Jazenko hat WAVE RBC.UA über populäre Irrtümer erzählt, die es Zeit ist, in der Vergangenheit zu lassen.
Schwangerschaft als „Allheilmittel“
Einer der hartnäckigsten Mythen besagt, dass die Geburt eines Kindes Menstruationsstörungen beheben und starke oder schmerzhafte Perioden beseitigen kann. Ärzte betonen: Schwangerschaft und Geburt sind keine Behandlungsmethode. Wenn eine Frau Symptome hat, die Aufmerksamkeit erfordern, muss die Ursache gefunden und eine Therapie ausgewählt werden. Die Entscheidung, Mutter zu werden, sollte eine bewusste Wahl sein und kein Versuch, medizinische Probleme zu lösen.
Ruhe für die Eierstöcke und KOK
Ein weiteres weit verbreitetes Missverständnis betrifft die Einnahme von kombinierten oralen Kontrazeptiva (KOK). Viele Frauen glauben, dass Medikamente notwendig sind, um den Eierstöcken „Ruhe“ zu gönnen. Tatsächlich ist diese Formulierung falsch: KOK werden nach bestimmten Indikationen verschrieben, und die Dauer des Kurses wird individuell bestimmt. Bei längerer Einnahme kann der Arzt eine Überwachungsplan empfehlen, aber „Ruhe der Eierstöcke“ ist kein medizinischer Begriff.
Menopause und Hormontherapie
Für Frauen, die Symptome der Menopause erleben – Hitzewallungen, nächtliches Schwitzen, Schlafstörungen, urogenitale Probleme (Trockenheit, Brennen, Unbehagen in der Vagina, Schmerzen beim Sex) – kann eine menopausale Hormontherapie angezeigt sein. Allerdings ist sie nicht für alle geeignet. Die Entscheidung wird individuell getroffen unter Berücksichtigung von Alter, Krankengeschichte, Risiken und Kontraindikationen.
Tests und „Behandlung“ ohne Symptome
Das Auffinden bestimmter Mikroorganismen in Tests erfordert nicht immer eine Behandlung – besonders wenn keine Beschwerden vorliegen. Beispielsweise bedeutet der Nachweis von Ureaplasma spp. oder Mycoplasma hominis bei beiden Partnern nicht, dass sie behandelt werden müssen. Die Taktik hängt von der konkreten Situation, den Untersuchungsergebnissen und dem Vorhandensein von Symptomen ab.
HPV: Kein Medikament, aber es gibt Prävention
Bis heute gibt es kein spezifisches Medikament, das das humane Papillomavirus (HPV) vollständig aus dem Körper entfernen könnte. Die Überwachungstaktik hängt vom Virustyp und den Untersuchungsergebnissen ab. Ein wichtiger Präventionsansatz für Krankheiten, die mit bestimmten HPV-Typen verbunden sind, bleibt die Impfung. Allerdings behandelt sie keine bestehende Infektion, sondern verhindert nur eine Ansteckung.
Intrauterine Kontrazeption – nicht nur für Gebärende
Die weit verbreitete Meinung, dass intrauterine Kontrazeption nur für gebärende Frauen geeignet ist, ist ebenfalls veraltet. Diese Methode kann auch von nicht gebärenden Frauen verwendet werden. Die Wahl des konkreten Mittels hängt vom Gesundheitszustand, den Bedürfnissen und möglichen Kontraindikationen ab – daher sollte sie mit einem Gynäkologen besprochen werden.
Progesteron und Schwangerschaftsplanung
Die Verschreibung von Progesteron in der zweiten Phase des Menstruationszyklus ist keine universelle Methode, um die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft zu erhöhen. Die Notwendigkeit einer solchen Unterstützung hängt von der konkreten klinischen Situation und den Methoden zur Behandlung von Unfruchtbarkeit ab, falls diese angewendet werden. Die Selbstverabreichung von Hormonpräparaten bei der Schwangerschaftsplanung kann gefährlich sein.
Nahrungsergänzungsmittel: Nicht immer harmlos
Biologisch aktive Zusatzstoffe werden oft als sichere Ergänzung zur Ernährung wahrgenommen. Allerdings können ihre Zusammensetzung, die wissenschaftliche Grundlage und die Qualitätskontrolle stark variieren. Zusätze können mit Arzneimitteln interagieren und unerwünschte Wirkungen hervorrufen. Daher ist es ratsam, die regelmäßige Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln, insbesondere mehrerer gleichzeitig, mit einem Arzt zu besprechen und unter Berücksichtigung des tatsächlichen Bedarfs zu bewerten.
Individueller Ansatz – der Schlüssel zur Gesundheit
Empfehlungen im Bereich der Frauengesundheit sollten nicht als universelle Regeln betrachtet werden. Was für eine Person geeignet ist, kann für eine andere unnötig oder kontraindiziert sein. Entscheidungen über Untersuchungen und Behandlungen sollten besser unter Berücksichtigung der individuellen Situation getroffen werden, basierend auf Daten der modernen Medizin und der Beratung durch einen Spezialisten.