Am 3. November 2026 wurde in der Tretjakow-Galerie am Krymski Wal (Krymski Wal 10, Saal 82) die Ausstellung «Die Natur der Fotografie» eröffnet, die der Landschaftsfotografie in Russland gewidmet ist. Die Schau umfasst rund 130 Werke von über 30 Autorinnen und Autoren, wobei viele Arbeiten erstmals der Öffentlichkeit präsentiert werden. Das Projekt läuft bis zum 28. März 2027. Neben Werken aus der eigenen Sammlung der Galerie sehen die Besucher auch Aufnahmen von Gewinnern des internationalen Mobilfotografiewettbewerbs HUAWEI XMAGE, der sowohl Amateure als auch Profis, unter anderem im Bereich der Landschaftsfotografie, zusammenbringt. Kurator der Ausstellung ist Nikita Jerofejew.

Von der Malerei-Imitation zur eigenen Sprache

Die zentrale Idee der Exposition ist es, die Evolution des fotografischen Interesses an der russischen Natur nachzuzeichnen: von den ersten Versuchen, die sich an den Traditionen der Malerei orientierten, bis hin zu zeitgenössischen künstlerischen Praktiken. Die Ausstellung zeigt, wie die Fotografie über einen Zeitraum von mehr als hundert Jahren schrittweise eine eigene Bildsprache entwickelte und zu einem eigenständigen Medium der Landschaftsdeutung anstatt nur zu einer Illustration des malerischen Kanons wurde.

Piktorialismus und Konstruktivismus: Zwei Pole der Landschaft

Die frühesten Werke der Schau sind Arbeiten von Jewgeni Wischnjakow, Nikolai Meschtscherin und Igor Grabar, die das Bestreben widerspiegeln, traditionelle künstlerische Aufgaben mit den Mitteln der neuen Kunst zu lösen. Im 20. Jahrhundert wurde die Fotografie zunehmend zu einem Experimentierfeld. Die Ausstellung präsentiert zwei kontrastierende Ansätze: den Piktorialismus von Nikolai Andrejew, der weichzeichnende Objektive und spezielle Drucktechniken nutzte, um sich von der exakten Realitätsabbildung zu lösen, und den Konstruktivismus von Alexander Rodtschenko, für den das Naturmotiv ein Anlass für Experimente mit Komposition und Perspektive war. In beiden Fällen fungierte die Landschaft nicht nur als Aufnahmeobjekt, sondern als Raum für künstlerische Suche und die Arbeit mit der Wahrnehmung des Betrachters.

Landschaft als Raum der künstlerischen Suche

Die Exposition offenbart die Vielfalt der Ansätze bei der Darstellung von Natur. In den Architekturfotografien der Moskauer Region von Wadim Kowrigin bleibt die Natur formal ein Nebenakteur, wird jedoch nicht als Hintergrund wahrgenommen und spielt im Bild oft eine Schlüsselrolle. Die Arbeiten von Anatoli Jerin, entstanden während einer Expedition nach Walaam zur Freilichtgeografie von Iwan Schischkin, tragen den Charakter dokumentarischer Forschung. Nikolai Kuljabikin seinerseits verband Panoramalandschaften mit direkten Natureindrücken und fand Poesie in der Betrachtung der Natur.

Fotografie als Fixierung künstlerischer Praktiken

Einen besonderen Platz in der Schau nimmt die Fotografie als Mittel zur Fixierung anderer künstlerischer Praktiken ein. Die Ausstellung zeigt Aufnahmen von Performances der Gruppe «Kollektive Aktionen», Experimente mit Artefakten von Francisco Infante und Land-Art-Werke von Nikolai Polisski. So fungiert die Landschaftsaufnahme hier sowohl als Dokument als auch als eigenständiges Statement.

Fazit: Über ein Jahrhundert des fotografischen Blicks

Durch die Zusammenführung von Werken verschiedener Epochen und Kunstrichtungen zeigt die Ausstellung «Die Natur der Fotografie», dass sich die Fotografie während ihrer gesamten Geschichte gleichzeitig als Mittel der dokumentarischen Realitätserfassung und als eigenständige künstlerische Äußerung entwickelt hat. Das Projekt offenbart die Vielfalt der Ansätze zur Naturdarstellung und die Möglichkeiten der fotografischen Kunst und zeichnet den Weg vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart nach.