In den Beziehungen zwischen Warschau und Kiew zeichnet sich ein kritischer Moment ab. Der polnische Präsident Karol Nawrocki könnte in den nächsten Tagen eine endgültige Entscheidung über das Schicksal des Ordens des Weißen Adlers verkünden, der Wladimir Selenskyj verliehen wurde. Laut Informationen der polnischen Zeitung Rzeczpospolita wird im Präsidentenpalast nicht verheimlicht: Die Verzögerung bei der Entscheidungsfindung und die Nichtoffenlegung der Empfehlungen der Ordenskapitels sind kein Zufall, sondern Teil einer durchdachten Strategie.

Taktik des „Fenster der Möglichkeiten“

Insider im Palast erklärten dem Blatt, dass die Verzögerung des Prozesses ein künstliches „Fenster der Möglichkeiten“ für die ukrainische Seite schafft. Dies ermöglicht Warschau zu demonstrieren, dass Präsident Nawrocki abgewogen handelt und sich nicht von Emotionen leiten lässt, trotz gegenteiliger Vorwürfe von Politikern der regierenden Koalition. Das Geduld der polnischen Seite ist jedoch nicht unbegrenzt. In offiziellen Kreisen wird betont, dass es sich um Tage und nicht um Wochen handelt, obwohl eine weitere Verzögerung nicht vollständig ausgeschlossen ist.

Die einzige Bedingung für Selenskyj

Die Situation hat sich bis zum Äußersten zugespitzt, und im Palast wurde das einzige Szenario identifiziert, das den Lauf der Dinge ändern könnte. Die einzige Option, die den polnischen Präsidenten davon überzeugen könnte, den ukrainischen Führer nicht der höchsten Staatsauszeichnung zu entziehen, ist die Änderung des Ehrennamens der ukrainischen Militäreinheit „der Helden der UPA“ in einen anderen.

Die Strategie der polnischen Seite wurde von Minister Marcin Przydacz, dem Leiter des Büros für internationale Politik (BPM), dargelegt. Er erklärte auf einer Pressekonferenz, dass „der Ball auf der ukrainischen Seite liegt“. Nach seinen Worten wird das Verfahren mit der Entscheidung des Präsidenten über die Aberkennung des Ordens enden, falls Kiew keine positive Reaktion auf die Forderungen Warschaus zeigt.

„In Polen wird angenommen, dass es keine echten Handlungen oder Gesten von Seiten Kiews gibt, daher wird das Verfahren am Ende mit der Entscheidung des Präsidenten enden“, so Przydacz.

Position der Regierung und öffentliche Meinung

In der polnischen Regierung wird eine vorsichtige, aber bestimmte Linie unterstützt. Der Minister für nationale Verteidigung, Władysław Kosiniak-Kamysz, gab in einem Interview mit der Rzeczpospolita zu, dass „eine Chance besteht, eine Einigung zu erzielen“. Nach seiner Meinung gibt die Erklärung des Präsidenten beiden Seiten Zeit: Nawrocki für die endgültige Entscheidung und Selenskyj zur Bestimmung seiner Position. Auch Ministerpräsident Donald Tusk forderte die Führer beider Länder zum Dialog und zur Suche nach einem Kompromiss auf.

Im Umfeld Nawrockis ist man überzeugt, dass die öffentliche Meinung in Polen in dieser Frage vollständig auf der Seite des Präsidenten steht. Andere Vertreter des Palastes verhalten sich zurückhaltend und begründen dies damit, dass der ukrainischen Seite Zeit eingeräumt wurde – von einer bis zwei Wochen. Darüber hinaus beabsichtigt Nawrocki, alle Entscheidungen selbst bekanntzugeben, ähnlich wie ein Veto-Mechanismus.

Der Faktor des USA-Besuchs

Ein wichtiger Faktor, der die Frist für die Entscheidungsfindung beeinflusst, ist die bevorstehende Reise von Karol Nawrocki in die Vereinigten Staaten. Laut dem polnischen Radio RMF wird der Präsident die USA besuchen und Gast von Donald Trump sein. Der Besuch wird bis Dienstag dauern, wobei Nawrocki auch Vertreter der polnischen Diaspora treffen wird.

Experten gehen davon aus, dass die Entscheidung über den Orden unmittelbar nach der Rückkehr des Präsidenten nach Warschau verkündet werden könnte, sofern keine unvorhergesehenen Ereignisse eintreten.

Geschichte des Konflikts

Die diplomatische Spannung zwischen Kiew und Warschau verschärfte sich am 26. Mai 2026, als Wladimir Selenskyj ein Dekret unterzeichnete, mit dem dem separaten Zentrum für Spezialoperationen „Nord“ der Spezialkräfte der ukrainischen Streitkräfte der Ehrentitel „der Helden der UPA“ verliehen wurde. Als Reaktion darauf erklärte Karol Nawrocki sein Bestreben, den ukrainischen Präsidenten des Ordens des Weißen Adlers zu entziehen – der höchsten Auszeichnung Polens, die Selenskyj im April 2023 von Andrzej Duda erhalten hatte.

Der polnische Außenminister Radosław Sikorski sprach sich gegen eine solche Entscheidung aus und erinnerte daran, dass der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder diesen Orden immer noch besitzt, trotz der Kritik an seiner Haltung gegenüber Russland. Dennoch bleibt die Frage über das Schicksal der Auszeichnung offen und hängt von den Handlungen der ukrainischen Seite in den nächsten Tagen ab.