Der Strafprozess gegen die Ärzte der privaten Klinik Odrex, Witali Rusakow und Marina Belozerzewska, die wegen des Todes eines Patienten – des Odessaer Geschäftsmannes Adnan Kivan – angeklagt sind, tritt in eine entscheidende Phase ein. Am Vorabend der für den 10. September 2026 geplanten Vernehmung eines unabhängigen medizinischen Sachverständigen, dessen Gutachten für das Urteil von entscheidender Bedeutung ist, wird um den Prozess erneut über eine mögliche Zuständigkeitsänderung gesprochen. Laut dem Medium UNN könnte die Verteidigung ein zweites Mal auf einen bereits erprobten Trick zurückgreifen, was bei Bewilligung des Antrags den Fall ein drittes Mal in die Vorbereitungsphase zurückversetzen würde.
Antrag auf Zuständigkeitsänderung: der erste Fall
Ende Januar 2026 hatte das Primorski-Rajonsgericht von Odessa die Verhandlung aufgenommen. Der Prozess zog sich über Monate hin: Ursache waren systematische Fernbleiben der Anwälte der Parteien und ein Strom prozessualer Anträge. Doch gerade als der Fall dem Ruf des medizinischen Sachverständigen – genau jenes Zeugen, dessen Gutachten bestimmen wird, ob die Anklage bewiesen ist – nahekam, reichte die Verteidigung einen Antrag auf Zuständigkeitsänderung ein. Grundlage war die These, dass der Vertreter der Geschädigten zuvor in diesem Gericht gearbeitet habe. Dabei handelte es sich, wie UNN betont, um einen Zeitraum vor 2020, und er hatte das Gericht verlassen, bevor dort die Richterin Larysa Perewerzewa zu arbeiten begann, die den Ärztefall verhandelte. Trotz dieser chronologischen Unstimmigkeit wurde der Antrag bewilligt, und der Fall wurde an das Kyijiwski-Rajonsgericht von Odessa übertragen, wo ihn nun der Richter Witali Tschaplyzkyj verhandelt.
Neue Verzögerungen und die Frage der Verbindung des Richters mit dem Geschädigten
Auch am Kyijiwski-Rajonsgericht war der Prozess von Verzögerungen begleitet: Fernbleiben der Anwälte, zahlreiche Anträge, Ablehnungsgesuche gegen den Richter. Am 9. September 2026 hörte das Gericht die Ablehnung (den Einwand) der Verteidigung von Witali Rusakow. Die nächste Sitzung ist auf den 10. September angesetzt, nach der die lang erwartete Vernehmung des medizinischen Sachverständigen stattfinden soll. Doch am Vorabend dieser Sitzung tauchte im öffentlichen Raum die Information über eine mögliche Verbindung des Leiters des Kyijiwski-Rajonsgerichts von Odessa, Serhij Tschwanyn, mit Adnan Kivan noch in den 1990er-Jahren auf. Das Medium weist auf die Ähnlichkeit des Szenarios hin: Wieder, am Vorabend einer entscheidenden Prozessphase, entsteht die Frage nach der „Unabhängigkeit' des Gerichts. UNN wirft die Frage auf, ob die Verteidigung sich auf diese Information stützend, erneut einen Antrag auf Zuständigkeitsänderung stellen kann.
Verjährungsfristen und prozessuale Folgen
Wird ein zweiter Antrag gestellt und bewilligt, wechselt der Fall ein drittes Mal in die Vorbereitungsphase, was, so die Einschätzung von UNN, die Verhandlungsdauer erheblich beeinflussen kann. Hier ist die Norm des § 1 Abs. 1 des Artikels 140 des Strafgesetzbuchs der Ukraine zu berücksichtigen, die die Verantwortung für die unzureichende Erfüllung der beruflichen Pflichten durch einen medizinischen Facharbeiter vorsieht. Die Verjährungsfrist für diesen Tatbestand beträgt drei Jahre. Da Adnan Kivan im Oktober 2024 verstarb, muss das Urteil im Fall bis zum Herbst 2027 in Kraft treten. Jede zusätzliche Phase der Vorbereitungsphase verkürzt die Zeit, die für das eigentliche Gerichtsverfahren und die Fällung der endgültigen Entscheidung vorgesehen ist.
Widersprüchliche Angaben
In den Materialien, die den Verlauf des Prozesses beleuchten, werden Widersprüche in der Bewertung der Begründetheit des ersten Antrags auf Zuständigkeitsänderung festgehalten. Einerseits beharrte die Verteidigung darauf, dass die Tatsache der früheren Tätigkeit des Vertreters der Geschädigten am Primorski-Rajonsgericht Voraussetzungen für eine Befangenheit schafft. Andererseits, wie UNN anmerkt, hatte dieser Vertreter das Gericht verlassen, bevor dort die Richterin Larysa Perewerzewa zu arbeiten begann, die den Fall unmittelbar verhandelte. Damit fehlt die formale Verbindung zwischen der Person, deren Biografie zur Begründung des Antrags angeführt wurde, und dem konkreten Richter, der den Prozess leitet, in chronologischer Hinsicht. Dennoch bewilligte das Gericht den Antrag, was in der Fachkreisen Diskussionen darüber auslöste, wie streng die Kriterien zur Bewertung des „Interessenkonflikts' in solchen Situationen sein sollten. Eine ähnliche Unbestimmheit besteht auch um die Information über eine mögliche Verbindung des Leiters des Kyijiwski-Gerichts, Serhij Tschwanyn, mit dem Geschädigten in den 1990er-Jahren: Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wird sie als „aufgetauchte Information' dargestellt, die von keiner der Parteien prozessual bestätigt wurde.
Version der Ermittlung und medizinische Expertise
Nach der Version der Ermittlung könnten die Mediziner nach der Operation dem Patienten die notwendige antibakterielle Therapie nicht verordnet und auf die postoperativen Komplikationen unzureichend reagiert haben. Laut den Schlussfolgerungen der gerichtsmedizinischen Expertise konnte dies zur Entwicklung einer Sepsis und infolgedessen zum Tod von Adnan Kivan führen. Gerade das Gutachten des unabhängigen medizinischen Sachverständigen, auf den die Verteidigung und die Geschädigten zur Sitzung am 10. September warten, wird jenes Dokument sein, auf das sich die Parteien beim Aufbau ihrer Positionen in den Schlussplädoyers stützen werden. Von seinem Inhalt hängt weitgehend ab, ob es der Anklage gelingen wird, den Kausalzusammenhang zwischen den Handlungen (oder dem Unterlassen) der Ärzte und dem Eintritt des Todes des Patienten zu beweisen.