Christopher Nolan, dessen Name zum Synonym für epische, intellektuelle Blockbuster geworden ist, hat seine Version der „Odyssee' vorgestellt. Eine Rezension der Dichterin, Drehbuchautorin und Filmkritikerin Marina Ponomarenko zeigt auf, warum diese Verfilmung trotz visueller Pracht gemischte Gefühle auslöste.
Homers „Odyssee' ist einer der Eckpfeiler der westlichen Kultur, ein Text, der unzählige Male neu interpretiert wurde: von James Joyces „Ulysses' bis zu „O Brother, Where Art Thou?' der Coen-Brüder. Nolan hat sich bereits mehrfach mit Motiven des antiken griechischen Epos beschäftigt, etwa in „Interstellar', nun entschied er sich jedoch für eine direkte Verfilmung. Das Ergebnis ist ein erwartungsgemäß epischer Hollywood-Film, der die Kritikerin jedoch gleichgültig ließ.
Visuelle Täuschung und der „Uncanny Valley'-Effekt
Einer der Hauptvorwürfe gegen den Film betrifft die historische Authentizität. Viele Details – von den Kostümen über die Architektur bis hin zum Aussehen der Schauspieler – entsprechen nicht der Epoche. Dies erzeugt den Effekt des „Uncanny Valley': Der Zuschauer sieht etwas, das fast real wirkt, es aber nicht ist, was Irritation hervorruft. So erinnern die Schiffe im Film eher zu Wikingerschiffen als zu antiken griechischen Schiffen.
Hätten die Helden Jeans und moderne Westen getragen, gäbe es keine Fragen zur Authentizität. Dann wäre es offensichtlich, dass Nolan einen Film über die moderne amerikanische Gesellschaft dreht und die „Odyssee' lediglich als Handlungsmantel dient. Genau diese fast unsichtbare Ungenauigkeit verursacht jedoch das Unbehagen.
Schönheit und Enttäuschung
Der Film ist tatsächlich wunderschön. Nolans Trojanisches Pferd würde wahrscheinlich jeden Schönheitswettbewerb unter allen Trojanischen Pferden gewinnen. Die Insel der Kalypso fasziniert durch das Spiel von Licht und Schatten, der Kyklop beeindruckt durch sein Gesichtdesign, und Kirke demonstriert Meisterschaft in der Handarbeit. Die Laistrygoner rufen Bewunderung hervor, lassen jedoch Fragen offen: „Was war das überhaupt?'.
Die Sirenen enttäuschten jedoch: Ihr Vorhandensein wurde faktisch von Odysseus selbst gespielt, und der Zuschauer sah und hörte sie nicht. Für einen Blockbuster wirkt das etwas unfair. Gleichzeitig ist die Episode im Reich des Hades, in der alle verstorbenen Gefährten Odysseus begegnen, wirklich beeindruckend und wirkt wie Teil eines großen Mythos.
Moralischer Konflikt und moderne Interpretation
Homers „Odyssee' ist ein Mythos, eine universelle Geschichte über die menschliche Natur und die Ordnung des Lebens. Nolan interpretiert sie als Geschichte eines Menschen, der nach einer erlittenen Traumata – dem Krieg – nach Hause zurückkehrt. Es gibt jedoch einen Aspekt, der das Mitgefühl mit dem Helden erschwert.
Odysseus im Film ist ein Krieger des achäischen Heeres, das Troja zerstörte und seine Bewohner vernichtete. Er ist Teil einer Aggressor-Armee. Aus dem Gespräch mit Penelope wird klar, dass er nicht an diesen Krieg gehen wollte, aber gezwungen war. Auf dem Rückweg nach Hause plündert Odysseus weiterhin Inseln, weil seine Leute Nahrung brauchen.
Im Original verhält sich Odysseus genau so – und sogar schlimmer – und empfindet keine Gewissensbisse, da die Moral jener Zeit anders war. Nolan versucht jedoch, diese Geschichte in einen modernen Kontext zu übertragen, in dem moralische Dilemmata schärfer werden.
Fazit: Schön, aber seelenlos
Nolans „Odyssee' lässt sich leicht in einzelne Episoden zerlegen: Manche sind besser gelungen, andere schlechter, an manchen Stellen stellen sich Fragen. Insgesamt ist es schön. Aber betrachtet man den Film als Ganzes, was ist er dann? Es ist eine Geschichte über die Rückkehr nach einer Trauma, aber ohne Tiefe und emotionale Verbindung zum Helden.
Nolan hat einen visuell beeindruckenden Film geschaffen, aber es ihm nicht gelungen, die Tiefe und Universalität des homerischen Mythos zu vermitteln. Für viele Zuschauer kann dies eine Enttäuschung sein, besonders wenn sie mehr als nur einen schönen Blockbuster erwartet haben.