Die Weltmärkte reagierten sofort und heftig auf die Nachricht über eine vorläufige Friedensvereinbarung zwischen den USA und dem Iran. Sobald die Einigungen bekannt wurden, sanken die Energiepreise, während die Aktienindizes im Gegenzug scharf anstiegen. Hinter diesem optimistischen Aufschwung verbirgt sich jedoch eine komplexe Realität, die Experten zur Beachtung auffordern: Millionen von Ölbarrels werden nicht über Nacht an europäischen Tankstellen verfügbar sein.
Der Markt reagierte schneller als die Logistik
Die Erklärung von Donald Trump über den Frieden wurde zum Signal für die Börsen. Der Preis der Referenzsorte Brent stürzte unter 80 Euro pro Barrel und erreichte die niedrigsten Werte seit Anfang März. Die Rohölfutures dieser Sorte verloren 4,7 % und fielen auf 83,25 Dollar. Das amerikanische Öl West Texas Intermediate zeigte einen noch schärferen Rückgang – um 5,1 % auf 80,53 Dollar pro Barrel.
Diese Zahlen waren sofort in Europa und in der Ukraine spürbar, wo die Kraftstoffpreise an den Tankstellen nach unten korrigiert wurden. Analysten warnen jedoch: Die Markteuphorie könnte trügerisch sein.
Physischer Mangel und zerstörte Infrastruktur
Das Hauptproblem liegt nicht in der Politik, sondern in der Physik der Lieferketten. Laut der Forschungsunternehmen Kpler erhält der Weltmarkt aufgrund des anhaltenden Konflikts täglich etwa 12 Millionen Barrel Öl weniger. Selbst im günstigsten Szenario würde sich dieses Defizit bis Ende August nur auf 2,6 Millionen Barrel pro Tag reduzieren.
Ein vollständiger Wiederaufnahme der Lieferungen aus Schlüsselregionen wie dem Irak und Kuwait wird von Experten frühestens im Dezember erwartet. Die zerstörte Infrastruktur und logistische Knotenpunkte benötigen Zeit für die Wiederherstellung, die nicht durch den Willen von Politikern verkürzt werden kann.
Minen im Ormus-Straße: Die größte Bedrohung
Ein kritischer Faktor bleibt die physische Sicherheit der Seewege. Nach Angriffen im Februar hat der Iran große Teile des strategisch wichtigen Ormus-Straits mit Minen bestückt. Die Räumung der Wasserwege ist ein arbeitsintensiver und gefährlicher Prozess. Experten schätzen die Dauer der Räumung auf mehrere Wochen bis zu einem halben Jahr.
Solange das Meer nicht sicher für die Schifffahrt ist, werden Versicherungsunternehmen die Tarife für den Transport auf einem hohen Niveau halten. Diese Kosten werden automatisch in den Endpreis der Ressource eingerechnet und neutralisieren den Effekt des Börsenpreisschwunds.
Skepsis der Experten und der Kampf um Gas
„In dieser Hinsicht scheint die heutige Marktreaktion zu gut, um wahr zu sein', bemerkt Carsten Brzeski von der ING-Bank. Er weist darauf hin, dass der aktuelle Optimismus nur darauf basiert, dass Teheran offiziell das erste Abkommen nach zahlreichen Erklärungen der amerikanischen Seite bestätigt hat.
Eine Umfrage unter Tankereigentümern, durchgeführt von Kpler, ergab enttäuschende Ergebnisse: Selbst bei stabilen Öllieferungen bleibt die Situation mit Flüssigerdgas (LNG) angespannt. Europa gerät in einen harten Wettbewerb mit Asien um begrenzte Gasvolumen. Jede Erwärmung des Klimas oder ein industrielles Wachstum in Asien könnte europäische Länder dazu zwingen, mehr zu zahlen, um Ladungen abzufangen.
Fazit: Die Bedrohung ist gebannt, der Mangel bleibt
Das Friedensabkommen beseitigt die unmittelbare Gefahr militärischer Angriffe, beseitigt jedoch nicht den globalen Energiemangel. Hunderte von Schiffen, die im Persischen Golf aus Angst vor Beschuss warten, können nicht in einem Moment zur See fahren. Der Preisverfall ist bisher begrenzt, und laut dem Chefökonom von Oxford Economics, Daniel Kraal, wird eine echte Erleichterung für die Verbraucher nicht bald eintreten.