Vor drei Jahren, am 6. Juni, wurde die Welt Zeuge einer der größten technischen Katastrophen der Moderne. Durch die Sprengung des Kachowka-Staudamms wurden etwa 600 Quadratkilometer Land überflutet, und Tonnen verschmutzten Wassers gelangten ins Schwarze Meer. Doch heute, drei Jahre nach der Tragödie, vollzieht sich am Ort des ehemaligen Stausees ein erstaunlicher Prozess: Die Natur erholt sich nicht nur, sie schafft ein neues, einzigartiges Ökosystem.
Von der ökologischen Bedrohung zur Stabilisierung
Die ersten Monate nach dem Dammbruch waren kritisch. Wasser und Böden waren durch Schwermetalle aus den Sedimenten, Ölprodukte, Pestizide und Abwässer aus Dutzenden überfluteten Siedlungen verschmutzt. Dies stellte eine ernste sanitäre Bedrohung für die Region dar.
Die Situation wird von der Staatlichen Umweltschutzinspektion der Ukraine ständig überwacht. Der stellvertretende Leiter der Abteilung, Serhij Zajez, betont, dass Experten in den Jahren 2023–2024 zeitweise Überschreitungen von Schadstoffen im Wasser und im Boden feststellten. Allerdings hat sich die Situation nun normalisiert: Der Sauerstoffgehalt im Wasser hat sich stabilisiert.
Wichtig ist anzumerken, dass das Ausmaß des Monitorings durch Sicherheitsfaktoren eingeschränkt ist. Das Linksufer der Region Cherson bleibt besetzt, und Experten können dort nicht hinfahren. Am rechten Ufer hingegen wird regelmäßig kontrolliert, und genau dort beobachten Wissenschaftler rasche Veränderungen der Landschaft.
Die Geburt des „Großen Wiesenlandes“
Die auffälligste Veränderung war das Erscheinen von Vegetation. Schon in den ersten Monaten nach der Sprengung des Damms keimte am Grund des ehemaligen Stausees Weide. Heute bildet sich dort ein ganzes Ökosystem, in dem Bäume eine Höhe von 7 Metern erreichen. Der Akademiker der Nationalen Akademie der Wissenschaften, Ökologe und Geobotaniker Jakow Diduch prognostiziert, dass sich hier in 20 Jahren vollwertige Weidenwälder bilden werden.
„Gelingt es, diesen Wald wiederherzustellen, so wird dies der größte Weidenbestand Europas sein“, betont der Wissenschaftler. Weidenwälder sind ein seltener und geschützter Vegetationstyp, dessen Zerstörung der Ökologie enormen Schaden zufügen würde.
Um die Weiden herum wächst die Landschaft mit Pappeln zu. Wissenschaftler verzeichnen hier etwa 340 Pflanzenarten, darunter seltene und geschützte Arten. Auf den Muschelkalkablagerungen, auf denen in den ersten Jahren nichts wuchs, begann eine einheimische Art zu sprießen – der Tatarische Kopfsalat. Auf schwach entwickelten Böden, wo es für Weiden unbequem ist, wächst der Tamariskenstrauch, der einen Strauchbestand bildet.
Die Rückkehr der Biodiversität
Das Ökosystem füllt sich auch mit Tierwelt. Der Zoologe Alexei Wasiljuk berichtet, dass man auf dem ehemaligen Stauseeboden Spuren von Füchsen, Schakalen, Iltissen und kleineren Säugetieren findet. Für große Huftiere ist der Wald noch zu dicht, aber die Situation ändert sich.
In der Nähe der Gewässer leben viele Zugvögel, darunter geschützte Arten wie Blässhühner und Bekassinen. Die Artenvielfalt der Insekten ist aufgrund des Mangels an bedeutendem blühendem Mischgras noch gering, doch der Wald wird bereits von Käfern und Schmetterlingen besiedelt.
Kandidat für das Weltkulturerbe
Die Zerstörung des Kachowka-Stausees führte zur „Freigabe“ des Territoriums des Großen Wiesenlandes. Die ukrainische Naturschutzgruppe (UNCG) initiiert die Aufnahme dieses Ortes in die vorläufige Liste des Weltkulturerbes der UNESCO als gemischtes Kultur- und Naturerbe.
Die Organisation hat den entsprechenden Antrag beim Ministerium für Kultur und der Nationalen Kommission der Ukraine für UNESCO eingereicht. „Eine kürzlich durchgeführte Expedition bestätigte den außergewöhnlichen Wert dieses Gebiets. Am Ort des ehemaligen Stausees bilden sich schnell Auenwälder, die Biodiversität wächst, und seltene Arten kehren zurück“, so die UNCG.
Wissenschaftler haben die einzigartige Möglichkeit, einen der weltweit größten Prozesse der natürlichen Wiederherstellung eines großen Flussauenlandes zu beobachten. Das vorbereitete Konzept zeigt, dass das Große Wiesenland potenziell sowohl als Kultur- als auch als Naturdenkmal die Kriterien der UNESCO erfüllt.