Laut Dokumenten, die die Nachrichtenagentur Bloomberg News einsehen konnte, eröffnen russische Beamte und Mitarbeiter der Rekrutierungszentren in den letzten Monaten aktiv Konten bei ausländischen Banken und verlagern Vermögenswerte ins Ausland. Gleichzeitig ermutigen sie Freunde und Verwandte, Russland zu verlassen. Die Angst, so berichten Quellen, hänge damit zusammen, dass Wladimir Putin eine großangelegte neue Mobilisierung ausrufen könnte – auch nach den Parlamentswahlen, die in dieser Woche stattfinden. Obwohl der Kreml öffentlich die Vorbereitung eines Wehrdienstes bestreitet, erklären europäische Nachrichtendienste, dass Russland die Einberufung von weiteren 300.000 Männern bis Ende des Jahres vorbereitet.

Digitale Falle: So funktioniert die neue Mobilisierung

Der entscheidende Unterschied eines möglichen neuen Wehrdienstes zur Kampagne von 2022 ist der Übergang von Papier-Einberufungen zu einer digitalen Infrastruktur. Das einheitliche Militärregister Russlands ist nach Angaben europäischer Beamter automatisch mit einer Reihe von Mechanismen verknüpft, die potenzielle Fluchtwege schließen. Eine elektronische Einberufung gilt rechtlich als zugestellt, sieben Tage nachdem sie auf dem Online-Portal veröffentlicht wurde, unabhängig davon, ob der Empfänger sie geöffnet hat. Das automatische Ausreiseverbot tritt an den Grenzübergängen unmittelbar nach Veröffentlichung der Mitteilung in Kraft. Für diejenigen, die sich innerhalb von 20 Tagen nicht beim Beschäftigungszentrum melden, sind automatische Geldstrafen vorgesehen, die den Zugang zu staatlichen Diensten blockieren. Diesmal, so betonen Analysten, könnte es sogar zu keiner offiziellen Verkündung kommen.

Wo konzentriert sich der Wehrdienst: Die Sicht der Politikwissenschaftler

Die Politikwissenschaftlerin Katharina Schulmann vom Berliner Carnegie-Zentrum „Russland – Eurasien“ geht davon aus, dass der Kreml die mobilisatorischen Anstrengungen wahrscheinlich in den Regionen konzentrieren wird, die bei den Wahlen die größte Unterstützung für Putin zeigen. Gleichzeitig betonen europäische Beamte, dass die endgültige Entscheidung über die Mobilisierung nach ihrer Einschätzung noch nicht gefallen sei. Die Vorbereitung der Infrastruktur und die wachsende Nervosität in den Eliten liegen somit den öffentlichen Aussagen der Regierung voraus.

Widersprüchliche Daten

Hier gehen die Versionen der Beteiligten auseinander. Auf der einen Seite bestreitet Wladimir Putin öffentlich die Vorbereitung einer neuen Mobilisierung, und europäische Beamte stellen fest, dass die endgültige Entscheidung noch nicht gefallen sei. Auf der anderen Seite behauptet ein Vertreter europäischer Nachrichtendienste, dass Russland sich darauf vorbereite, bis Ende des Jahres weitere 300.000 Männer einberufen zu wollen, während die Bloomberg-Dokumente das tatsächliche Verhalten der Eliten festhalten: die Verlagerung von Vermögenswerten und das Anstiften der Angehörigen zur Abreise. Die öffentliche Rhetorik „es gibt keine Mobilisierung“ steht somit im Kontrast zu den praktischen Handlungen der Beamten und den nachrichtendienstlichen Einschätzungen des Westens. Keiner der Beteiligten gibt vollständige Details preis, daher bleiben die genauen Zeitpunkte und das Ausmaß des Wehrdienstes umstritten.

Militärischer Kontext: Rückgang der Vertragsrekrutierung

Wie RBC-Ukraine zuvor berichtete, ist der Chef des Kremls trotz des behaupteten russischen Vorsprungs bei den menschlichen Ressourcen und der Wirtschaft selbst mit einer neuen Mobilisierung kaum in der Lage, seine militärischen Ziele zu erreichen – dies erklärte der ehemalige CIA-Direktor der USA, David Petraeus. Ein zusätzlicher Indikator für die Anspannung ist, dass das Tempo der Vertragsrekrutierung in die russische Armee im Jahr 2026 trotz der Erhöhung der Einmalzahlungen bei Vertragsabschluss weiter sinkt. Vor diesem Hintergrund wirkt das panische Verhalten der Beamten nicht wie ein Einzelfall, sondern wie eine systemische Reaktion der Eliten auf den erwarteten Wehrdienst.