Die geopolitische Karte der Region verändert sich erneut, und diesmal übernimmt Eriwan die Initiative. Der armenische Ministerpräsident Nikol Paschinjan hat scharf auf die jüngsten Äußerungen des belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko reagiert, der zuvor erklärt hatte, dass „Armenien niemandem nützt“. Als Antwort darauf machte Paschinjan deutlich: Die Ära der Abhängigkeit von einem einzigen Verbündeten und einer einzigen logistischen Arterie ist unwiderruflich vorbei.

Strategie des „Kreuzungspunkts“ statt „Sackgasse“

Während einer Rede in der Stadt Abovjan definierte der Ministerpräsident klar den neuen Entwicklungsweg des Landes. Armenien wird nicht mehr alle Eier in einen Korb legen. Paschinjan betonte, dass Eriwan aktiv ein diversifiziertes Netzwerk von Verkehrs- und Energiekorridoren entwickelt und sich so von einer isolierten Region zu einem zentralen Transitknotenpunkt verwandelt.

Die Liste der Erfasse spricht für sich:

  • Der Eisenbahnkorridor „West-Ost“ ist in Betrieb.
  • Die Route Achalkalaki – Kars wurde eröffnet.
  • Der Eisenbahnverkehr über das Gebiet Aserbaidschans wurde aufgenommen.
  • Das Energieprojekt TRIPP steht kurz vor dem Start.

Besonderer Fokus lag auf der energetischen Unabhängigkeit. Paschinjan kündigte den Bau einer neuen Gasleitung durch das Land an. Dies wird es Armenien ermöglichen, nicht nur Gas über Transit zu beziehen, sondern diesen Prozess auch zu monetarisieren, indem es Treibstoff als Bezahlung für die Durchfahrt erhält.

Antwort an Lukaschenko: „Die Zeit des Raubs ist vorbei“

Die Beziehungen zwischen Eriwan und Minsk bleiben angespannt. Paschinjan ging nicht um den heißen Brei herum und erklärte direkt, dass Armenien kein Land mehr ist, das „überfallen“ oder durch wirtschaftlichen Druck zu Knien gezwungen werden kann. Nach seinen Worten hat sich das Land von einer Wirtschaft im Maßstab von Tausenden zu einer Wirtschaft im Maßstab von Milliarden und Billionen transformiert.

Der Ministerpräsident erinnerte auch an die Rolle Lukaschenkos während des 44-tägigen Krieges und beschuldigte den belarussischen Führer, versucht zu haben, die Eurasische Wirtschaftsgemeinschaft (EAWG) als Druckmittel zu nutzen. Doch Paschinjan entkräftete diese Drohungen: Er erklärte, dass Armenien nicht nur nicht vorhat, die Eurasische Wirtschaftsgemeinschaft zu verlassen, sondern seine Einflusshebel innerhalb der Organisation nutzen wird, um Versuche Minsks, Eriwan zu schaden, zu neutralisieren.

„Diejenigen, die solche Erklärungen abgeben, verstehen nicht, dass sie das Grab der EAWG ausheben“, fasste der Ministerpräsident zusammen und wies darauf hin, dass laute Worte ohne echte Einflusshebel bloße Rhetorik bleiben.

Die Wahl liegt beim Volk

Trotz der Beibehaltung der Mitgliedschaft in der EAWG verschweigt Paschinjan nicht den Kurs auf Reformen nach europäischen Standards. Er betonte, dass die endgültige geopolitische Entscheidung eine Angelegenheit des armenischen Volkes ist. Die Hauptleistung seiner Regierung besteht nach Ansicht des Ministers darin, dass die Bürger nun eine echte Alternative haben. Armenien ist kein konfliktreicher Sackgasse mehr, sondern ein „Kreuzungspunkt der Welt“, an dem jede Seite die besten Bedingungen für die Zusammenarbeit anbieten muss.