US-Verteidigungsminister-Stellvertreter Elbridge Colby wird am Donnerstag die Botschafter der NATO-Staaten über den Stand der Überprüfung der Stationierung amerikanischer Truppen in Europa informieren. Laut Quellen werden die europäischen Diplomaten versuchen, das Pentagon davon zu überzeugen, dass die Verbündeten konsequent ihre eigenen Verteidigungsfähigkeiten ausbauen und bereit sind, die Hauptverantwortung für die Verteidigung des Kontinents zu übernehmen. In Europa sind derzeit rund 80.000 US-Soldaten stationiert, und Washington hatte bereits den Abzug eines Teils des Personals angekündigt.

Halbjährliche Überprüfung und Pentagon-Fragebogen

Im Juni kündigte die US-Regierung eine halbjährliche Überprüfung der Stationierung amerikanischer Truppen in Europa an und forderte die Verbündeten auf, die Hauptverantwortung für die Verteidigung des Kontinents zu übernehmen; zuvor hatte Donald Trump seine Unzufriedenheit darüber geäußert, dass die Europäer, seiner Einschätzung nach, den USA im Krieg gegen den Iran nicht ausreichend geholfen hätten. Im Sommer verteilte Washington unter den NATO-Mitgliedern einen Fragebogen, den Reuters einsehen konnte: Er umfasst Fragen von den Verteidigungsausgaben bis zur Unterstützung der außenpolitischen Prioritäten der USA. So wird etwa gefragt, ob ein Land Beschränkungen für den Zugang, die Stationierung und die Überflüge amerikanischer Truppen eingeführt hat und ob es bereit ist, diese aufzuheben, sowie ob es sich öffentlich gegen Regulierungen ausgesprochen hat, die die transatlantische Verteidigungs- und Rüstungszusammenarbeit einschränken. Estlands Verteidigungsministerin Anne Soots bestätigte, dass ihr Land eine Antwort auf den Fragebogen vorbereitet, und erklärte: „Estland teilt die Auffassung, dass Europa mehr für seine eigene Verteidigung tun sollte.“

„NATO 3.0“ und das Risiko eines Wettbewerbs unter den Verbündeten

Colby selbst erklärte, dass die Überprüfung der Evolution des Bündnisses hin zu einem aktualisierten Konzept „NATO 3.0“ dienen solle. Dabei habe der Prozess, so die Angaben von Beamten, ein Risiko eines Wettbewerbs der europäischen Länder um die Aufmerksamkeit Washingtons geschaffen: Einige Verbündete boten bereits günstigere Bedingungen für die Stationierung amerikanischer Truppen an. Ein europäischer Diplomat bewertete die Verknüpfung der Fragen zur Stationierung mit politischen Positionen als rein transaktionalen Ansatz in der Partnerschaft, was die Spannungen in den Beziehungen zwischen den beiden Seiten des Atlantiks unterstreiche.

Widersprüchliche Angaben

In den öffentlichen Erklärungen der Beteiligten zeigt sich eine Uneinigkeit in der Bewertung des Prozesses. Die amerikanische Seite, einschließlich des Pentagons, stellt die Überprüfung als Schritt hin zu „NATO 3.0“ dar und vermerkt, dass die Verbündeten „mehr Verantwortung“ für die Verteidigung übernommen hätten; in einigen Bewertungen wird betont, dass die europäischen Mitglieder des Bündnisses Russland in der Gesamtmilitärmacht überträfen. Gleichzeitig weisen europäische Diplomaten und Quellen innerhalb der NATO auf den transaktionalen Charakter der Forderungen und darauf hin, dass die Entscheidungen Colbys nicht endgültig seien: „Alles, was er sagt, kann Trump oder Hegseth bereits in 20 Minuten rückgängig machen“, so eine Quelle in der NATO. Somit spricht eine Seite von einer strategischen Stärkung des Bündnisses, die andere – von Instabilität und dem geschäftlichen Ansatz Washingtons.

Externe Bedrohungen und Risiken innerhalb der NATO

Angesichts der Überprüfung der Truppenstationierung berichtete The Telegraph, dass der Kreml, laut dem Blatt, Rüstungsproduzenten in Europa sabotiere, indem er Mitglieder lokaler Gruppierungen werbe; allein in diesem Monat habe es an Verteidigungswerken in zwei europäischen Ländern Explosionen gegeben. Gleichzeitig fürchtet die NATO, dass der nächste Präsident Frankreichs Probleme für das Bündnis schaffen könnte: Unter den diskutierten Risiken wird sogar ein möglicher Austritt des Landes aus dem Block oder aus seinem integrierten Befehlssystem erwähnt. In diesem Zusammenhang plant der Militärausschuss der NATO, laut vorliegenden Angaben, in Kürze einen Besuch in der Ukraine.