Der ukrainische Arbeitsmarkt erlebt einen beispiellosen Mangel an Personal. Der Mangel an qualifizierten Fachkräften ist so akut geworden, dass Arbeitgeber ihre Rekrutierungsansätze radikal ändern müssen. Anstatt nach bereits fertigen Spezialisten zu suchen, sind Unternehmen bereit, Menschen ohne Erfahrung einzustellen, sie zu beschäftigen und erst danach zur Ausbildung zu schicken.
Der stellvertretende Minister für Bildung und Wissenschaft, Dmytro Zavhorodniy, bestätigte in einem Interview mit RBC-Ukraine: Der Personalmangel hat fast alle Wirtschaftszweige erfasst. „In jedem Sektor herrscht Arbeitskräftemangel. Nennen Sie einen, und in einem anderen werden sie sagen, dass es ihnen auch an Personal mangelt', so der Beamte.
Neues Modell: Einstellung vor der Ausbildung
Als Reaktion auf die Marktherausforderungen wurden in den Regionen neue Schemata zur Personalentwicklung eingeführt. Ein leuchtendes Beispiel ist die Erfahrung in Iwano-Frankiwsk. Dort setzt eine gemeinnützige Organisation, die mit Unterstützung lokaler Unternehmer gegründet wurde, ein Projekt um, das auf erwachsene Menschen ausgerichtet ist, die bereit sind, in der Industrie zu arbeiten.
Das Konzept ist einfach und effektiv: Der Bewerber wird sofort offiziell eingestellt, erhält ein Mindestgehalt und eine militärische Einberufungsschutz (Bronschirowanie). Erst danach wird die Person zur beruflichen Weiterbildung geschickt. „Wir nehmen diejenigen an, die bereit sind zu lernen, versorgen sie mit allem Notwendigen und begleiten sie während der Prüfungen', erklärte Zavhorodniy.
Die Ausbildung in Iwano-Frankiwsk findet an der Berufsfachschule Nr. 21 statt, wo für diesen Zweck eine moderne Produktionswerkstatt eingerichtet wurde.
Umfang des Phänomens und Vergleich mit den USA
Iwano-Frankiwsk ist kein Einzelfall. Ähnliche Praktiken gewinnen auch in anderen Regionen an Bedeutung. Beispielsweise absolvieren in einer Berufsbildungseinrichtung in Dnipro innerhalb eines Jahres fast 500 Erwachsene Kurzzeitkurse und Weiterbildungsprogramme.
„Vor drei Jahren war es kaum vorstellbar, dass in Berufsbildungseinrichtungen Hunderte von Erwachsenen lernen würden. Heute ist dies Realität', betonte der stellvertretende Minister.
Zavhorodniy verglich dieses Modell mit den amerikanischen Community Colleges, wo Menschen schnell einen neuen Beruf erlernen oder sich in kurzer Zeit umschulen können.
Effektivität der Investitionen bestätigt
Die Wirksamkeit der Schulungsprogramme für Erwachsene wurde kürzlich von Vertretern der Weltbank analysiert. Die Studie umfasste mehr als 50.000 Ukrainer, die sich im Rahmen von Gutscheinen der Staatlichen Arbeitsagentur und des Wirtschaftsministeriums weitergebildet haben.
Laut Zavhorodniy hatten die meisten Teilnehmer der Programme bereits einen Arbeitsplatz, doch nach der Ausbildung wechselten sie entweder den Arbeitgeber oder begannen, mehr zu verdienen. Das Bildungsministerium betrachtet dies als direkten Beweis für die Effektivität von Investitionen in die berufliche Bildung und Umschulung.
Mangel an technischen Fachkräften und einzigartige Berufe
Der dringendste Bedarf besteht im technischen Bereich. Arbeitgeber suchen aktiv nach Maschinisten, CNC-Bedienern und Elektrikern und bieten ihnen hohe Gehälter, Wohnraum, Verpflegung und andere Boni. Besonders groß ist die Nachfrage nach Fachkräften in der Rüstungsindustrie.
Gleichzeitig gibt es in der Ukraine weiterhin seltene und einzigartige Ausbildungsrichtungen. Beispielsweise gibt es in Lwiw das einzige Zentrum im Land für die Ausbildung von Glasmalern, die sich mit der Restaurierung von Glasfenstern beschäftigen. Auch gibt es im ganzen Land nur zwei Einrichtungen, die Juweliere ausbilden.