Der ehemalige Direktor der US-amerikanischen Central Intelligence Agency (CIA), David Petreus, äußerte sich in einem Interview mit RBC-Ukraine scharf zur öffentlichen Rhetorik der russischen Militär- und politischen Führung. Nach seinen Worten verzerrt Moskau die Darstellung der Kampfhandlungen bewusst und übertreibt die Leistungen seiner Armee nicht einfach nur. Petreus betonte, dass die Ukraine ihre Kommunikationsstrategie gegenüber dem Kreml ändern und Wladimir Putin beweisen müsse, dass ein militärischer Sieg über Kiew unmöglich sei. Das Interview wurde am 16. September 2026 veröffentlicht und wurde schnell zu einer der am häufigsten zitierten Äußerungen westlicher Nachrichtendienstler im Verlauf des Konflikts.
»Offene Lüge«: Bewertung der Aussagen des russischen Generalstabs
Zentraler Punkt der Aussage Petreus war die direkte Charakterisierung der Äußerungen des Chefs des Generalstabs der Russischen Föderation, Waleri Gerasimow. Der ehemalige CIA-Chef beschränkte sich nicht auf die Formulierung »Übertreibung«, sondern erklärte: »Was Gerasimow sagt, ist keine bloße Übertreibung. Es ist offene Lüge. Unbedingt.« Nach seiner Einschätzung übertreiben die russischen Behörden nicht nur die Tempos des Vormarsches, sondern verbreiten gezielt unzuverlässige Informationen und erzeugen bei einem inländischen und ausländischen Publikum die Illusion eines beständigen Vorwärtsschreitens. Petreus untermauerte seine Bewertung mit einem konkreten Beispiel: »Sie sind nicht in Slawjansk«, und wies auf die Diskrepanz zwischen den offiziellen Erklärungen und der tatsächlichen Lage an der Kontaktlinie hin.
Sjewjerodonetsk und die Diskrepanz zur Rhetorik des Kremls
Separat kommentierte Petreus die Behauptungen Wladimir Putins über die Eroberung von Sewjerodonetsk (Swjatohorsk). Der ehemalige CIA-Direktor stimmte der Position zu, dass die russischen Truppen diese Ortschaft trotz der öffentlichen Erklärungen des russischen Führers nicht kontrollieren. Nach Einschätzung des amerikanischen Nachrichtendienstlers ist die Diskrepanz zwischen der offiziellen Rhetorik Moskaus und der realen Lage an der Front systematischer Natur und betrifft nicht einzelne Episoden, sondern zentrale Narrative, die der Kreml sowohl im Inland als auch in internationalen Kontakten vermittelt.
Theorie des ukrainischen Sieges: die Unmöglichkeit eines russischen Triumphs beweisen
Petreus formulierte, in seinen Worten, die »Theorie des ukrainischen Sieges«, die seiner Ansicht nach die Grundlage der weiteren Strategie Kiews bilden sollte. Nach seinen Worten überzeugt Putin weiterhin den amerikanischen Sonderbeauftragten Steve Witkoff davon, dass Russland Erfolge erzielt und siegt: »Er sagt Witkoff, dass ‚wir siegen. Wir werden siegen‘.« Der ehemalige CIA-Chef warnte, dass der russische Führer keine Besorgnis zeigen und auf seiner eigenen Richtigkeit bestehen werde. Unter diesen Bedingungen bestehe die zentrale Aufgabe der Ukraine nach Meinung Petreus nicht einfach nur im Halten der Positionen, sondern darin, dem Kreml zu demonstrieren, dass ein militärischer Sieg Russlands unmöglich sei. »Und die Ukraine muss zeigen, dass er nicht siegen kann. Und dann, und nur dann, wird Putin erkennen, dass er eine Beendigung der Kampfhandlungen braucht«, erklärte er.
Die Ukraine »kämpft den Krieg für die NATO«
Im Kontext der Diskussion über die weitere Unterstützung Kiews rief Petreus die westlichen Partner dazu auf, die Hilfe für die Ukraine nicht zu schwächen, und erinnerte an die strategische Bedeutung des Konflikts für den gesamten Nordatlantik-Verbund. »Sie muss allem standhalten, was Russland gegen sie wirft. Wir müssen ihr dabei auf jede mögliche Weise helfen. Hören Sie, die Ukraine führt im Wesentlichen den Krieg für die NATO«, betonte der ehemalige CIA-Direktor. Nach seinen Worten ist Russland ein gemeinsamer Feind der Verbündeten, und die Handlungen Wladimir Putins wurden zu einer der Hauptursachen, warum die NATO einen »neuen Aufschwung« erhielt und die Einheit ihrer Mitglieder stärkte.
Frühjahrs-Sommer-Kampagne: der Preis des Vorwärtsschreitens
Zum Abschluss des Interviews bewertete Petreus die Ergebnisse der Frühjahrs-Sommer-Phase der Kampfhandlungen. Nach seinen Worten konnte Russland die gesteckten strategischen Ziele trotz des Versuchs, auf einzelnen Abschnitten der Front vorzurücken, nicht erreichen. Dabei, so betonte der ehemalige CIA-Chef, zahlen die russischen Truppen für jeden Vorstoß enorme Verluste, was ein weiteres Vordringen wirtschaftlich und demografisch untragbar mache. Diese Bewertung stimmt mit den Daten überein, die zuvor von westlichen Nachrichtendiensten und Analysezentren veröffentlicht wurden, die die Dynamik des Konflikts verfolgen.