Der polnische Digitalminister Krzysztof Gawkowski hat schwere Vorwürfe gegen große soziale Netzwerke erhoben und erklärt, die Plattformen agierten de facto als „stille Verbündete“ Russlands in dem gegen Europa geführten digitalen Krieg. Nach Angaben des Ressortchefs ermöglicht die unzureichende Bekämpfung russischer Desinformation durch die Plattformen Bots und gefälschten Konten, die mit dem russischen Geheimdienst GRU verbunden sind, die freie Verbreitung von Falschinformationen. Gawkowski betonte, dass Warschau den Unternehmen eine Reihe konkreter Forderungen gestellt und gewarnt habe: Jede staatliche Anfrage, die nicht beantwortet wird, zieht ein Verfahren zur Verhängung von Finanzsanktionen nach sich.
Ausmaß des Problems: 65.000 Meldungen und 7 % Löschungen
Ein Hauptargument für die Anschuldigungen des Ministers waren Daten des polnischen Forschungsinstituts NASK. Im ersten Halbjahr 2026 übermittelte die Organisation den sozialen Netzwerken mehr als 65.000 Meldungen über entdeckte Fake-Accounts und Fälle von Desinformation. Den NASK-Daten zufolge reagierten die Plattformen jedoch auf weniger als ein Viertel dieser Eingaben. Lediglich in 7 % der gemeldeten Fälle führte dies zur Löschung von Inhalten, während knapp über 17 % moderiert wurden. Gawkowski wertete diese Kennzahlen nicht als technische Ineffizienz, sondern als „bewusstes Handeln von Plattformen, die von Desinformation profitieren, sie nutzen und als Einnahmequelle betrachten“.
Warschaus Forderungen: Polnische Moderatoren und sofortige Bot-Löschung
Im Rahmen seiner Forderungen hat die polnische Regierung soziale Netzwerke verpflichtet, effiziente Moderationsteams aufzubauen, die auf Polnisch arbeiten und in Echtzeit direkt mit Organisationen kommunizieren, die verdächtige Inhalte melden. Gawkowski forderte zudem die Abschaffung sogenannter „fiktiver Beschwerdeverfahren“, die sofortige Entfernung jeglicher erkannter Bot-Netzwerke sowie eine drastische Verkürzung der Reaktionszeiten auf Meldungen. Der Minister stellte unmissverständlich klar, dass die Nichtbeachtung staatlicher Anfragen mit Finanzsanktionen geahndet wird.
Kontext: Digitaler Krieg und Kampagne vor dem Unabhängigkeitstag
Gawkowskis Auftritt erfolgte vor dem Hintergrund einer verstärkten russischen Desinformationskampagne im Vorfeld des polnischen Unabhängigkeitstags. Nach Angaben des Zentrums zur Bekämpfung von Desinformation (CCD) verbreitete Moskau aktiv Fakes über die Verschlechterung der Beziehungen zwischen Warschau und Kiew sowie über eine angebliche „Müdigkeit“ der Polen bei der Unterstützung der Ukraine. Das CCD ist der Ansicht, dass das strategische Ziel des Kremls darin besteht, die Einheit der europäischen Gemeinschaft zu schwächen und die internationale Unterstützung für Kiew zu untergraben. Die Erklärung des Digitalministers war Teil einer breiteren staatlichen Reaktion auf diese Kampagne.
Wie es weitergeht: Sanktionen als Druckmittel
Die Drohung Polens mit Finanzsanktionen zielt darauf ab, die freiwillige Moderation in eine verbindliche Bedingung für den Betrieb von Plattformen auf dem polnischen Markt zu verwandeln. Sollte Warschau diesen Kurs umsetzen, könnte dies einer der ersten Präzedenzfälle sein, in denen ein europäischer Staat soziale Medien direkt wegen unzureichender Reaktionen auf bestimmte Inhaltskategorien abstraft. Für die Plattformen bedeutet dies, dass sie ihre lokalen Moderationsprozesse umstrukturieren und einen institutionellen Dialog mit der Regulierungsbehörde in einem bisher nie dagewesenen Format aufbauen müssen.