Warschau hat einen detaillierten Plan zur finanziellen Unterstützung von Zehntausenden polnischen Staatsbürgern, die während der nationalsozialistischen Besatzung gelitten haben, ausgearbeitet und offiziell an Berlin übergeben. Wie RBC-Ukraine unter Berufung auf die Süddeutsche Zeitung berichtet, schlägt die polnische Führung ein neues Format für Entschädigungen vor, das zu einem langfristigen Unterstützungssystem für die Opfer werden soll.
Das Wesen des Vorschlags: jährliche Zahlungen über einen Versöhnungsfonds
Dem neuen Plan zufolge soll jedes lebende Opfer des nationalsozialistischen Regimes jährlich 10.000 Złoty (etwa 2.333 Euro) von der deutschen Regierung erhalten. Die Zahlungen sollen über einen speziell gegründeten „Polnisch-deutschen Versöhnungsfonds' erfolgen.
Wichtig ist, dass es sich nicht um eine einmalige Entschädigung handelt, sondern um eine ständige jährliche Unterstützung. Das bedeutet, dass die Gesamtsumme der Zahlungen kein festes Limit hat, der Ausgabenbedarf jedoch aufgrund der natürlichen Abnahme der Zahl der Betroffenen jedes Jahr sinken wird.
Finanzielle Schätzungen und Umsetzungszeiträume
Nach vorsichtigen Schätzungen könnten die Gesamtkosten für die Umsetzung des Projekts etwa 300 Millionen Euro betragen. Wenn Berlin den vorgeschlagenen Bedingungen zustimmt, müsste bereits im Jahr 2027 aus dem deutschen Haushalt die erste Summe von 100 Millionen Euro bereitgestellt werden, um die Bedürfnisse aller registrierten Opfer zu decken.
Das Ultimatum von Donald Tusk
Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk fordert von Deutschland eine klare Bestätigung des Plans bis Ende 2026. Er warnte, dass Warschau andernfalls beginnen werde, die Zahlungen aus dem eigenen Haushalt selbst zu finanzieren.
Die Forderungen nach einer konkreten Höhe der jährlichen Zahlungen werden von der angespannten innenpolitischen Lage in Polen diktiert. Die Regierung Tusks versucht, Vorwürfe der oppositionellen Partei „Recht und Gerechtigkeit' (PiS) zu vermeiden, die während ihrer Regierungszeit Deutschland offiziell eine astronomische Summe von 1,3 Billionen Euro als klassische Reparationen in Rechnung gestellt hatte.
Politischer Kontext und Verzicht auf „kleine Summen'
Aufgrund der enormen Diskrepanz zwischen den Billionenforderungen der Vorgänger und den Möglichkeiten Berlins strebt Warschau nach einer Form des finanziellen „humanitären Gestus', die in der Gesellschaft nicht als erniedrigende Almosen wahrgenommen wird.
Aus diesem Grund lehnte Donald Tusk bereits im Jahr 2024 den Vorschlag des damaligen deutschen Kanzlers Olaf Scholz für eine einmalige Entschädigung in Höhe von insgesamt 200 Millionen Euro als unzureichend ab.
Dialog über Vergangenheit und Zukunft Europas
Versuche der deutschen Regierung, Fragen der Zahlungen zu regeln, finden vor dem Hintergrund eines aktiven Dialogs über die historische Vergangenheit und die gemeinsame Sicherheit statt. So zog Bundeskanzler Friedrich Merz kürzlich während eines Besuchs in Danzig eine Parallele zwischen der nachkriegszeitlichen deutsch-polnischen Versöhnung und der Zukunft der Ukraine in Europa.
Er drückte dem polnischen Volk öffentlich seine Dankbarkeit dafür aus, dass es beiden Staaten gelungen ist, nach den schrecklichen Verbrechen, die die Deutschen in Polen zwischen 1939 und 1945 begangen haben, Frieden, gute Nachbarschaft und Freundschaft zu erreichen, was als Vorbild für die Unterstützung der Ukraine im Widerstand gegen die russische Aggression dient.