Journalisten von Bloomberg sind an interne Dokumente des russischen Unternehmens Social Design Agency (SDA) gelangt, die eine großangelegte Strategie des Kremls zur Manipulation des Informationsraums enthüllen. Die Materialien, die den Zeitraum von Mai 2023 bis April 2026 umfassen, belegen den Übergang von einfachen Fälschungen zu komplexen Operationen zur Täuschung von Suchmaschinenalgorithmen und künstlicher Intelligenz.

Das von den USA, Großbritannien und der EU sanktionierte Unternehmen SDA hat ein Projekt mit dem Codenamen „Projekt 2026“ umgesetzt. Sein Kern bestand nicht nur in der Verbreitung von Desinformation in sozialen Medien, sondern auch in der Schaffung eines eigenen Ökosystems, das in der Lage ist, Suchergebnisse und die Daten zu beeinflussen, die von KI-Sprachmodellen verwendet werden.

Wikipedia-Klone als Einflussinstrument

Eine der wichtigsten Aktivitäten war die Erstellung von Klon-Websites der Enzyklopädie „Wikipedia“. Die Dokumentation zeigt, dass für Armenien der Start einer Ressource geplant war, die speziell für Suchmaschinen optimiert war. Auf den beliebten Seiten dieser Website sollten prorussische Narrative und falsche Informationen über lokale Politiker platziert werden.

Journalisten haben drei solcher Ressourcen entdeckt, die Anfang 2026 erstellt wurden. Anschließend stellte der Hosting-Anbieter deren Betrieb ein. Ein weiteres Großprojekt war auf Deutschland ausgerichtet. Dafür wurden rund 200.000 Webseiten erstellt. Die Autoren planten, die Inhalte monatlich zu bearbeiten, um auf sechs Plattformen der künstlichen Intelligenz einzuwirken.

Nach dem Plan der Betreiber sollte das Netzwerk von Websites dazu beitragen, den gewünschten Inhalt in den Suchergebnissen zu fördern. Katerina Sedova, Senior Fellow am Eurasien-Zentrum des Atlantic Council, erklärte, dass diese Taktik darauf abzielt, Suchmaschinen mit einer großen Menge an miteinander verknüpften Inhalten zu überfluten.

„Ihr Ansatz besteht darin, Suchmaschinen mit Inhalten zu überfluten, die auf sich selbst oder auf die von ihnen geförderten Narrative verweisen. Dies könnte zu einem indirekten Weg werden, um Einfluss auf beliebte Chatbots und Suchmaschinen zu nehmen“, so die Expertin.

Falsche Think Tanks und gefälschte Nachrichten

Die Dokumente enthalten auch Pläne zur Einrichtung von Pseudo-Forschungszentren. Eine dieser Ressourcen – der sogenannte „World Center for Strategic Studies“ – veröffentlichte bearbeitete Materialien renommierter Forschungseinrichtungen und änderte deren Schlussfolgerungen. So wurde in einem der Texte die Lage in Europa als weitreichende politische und wirtschaftliche Krise beschrieben, obwohl das ursprüngliche Forschungsergebnis keine solchen Schlussfolgerungen enthielt.

Bloomberg weist auch auf das Projekt Ruwiki hin – einen russischen Ableger von „Wikipedia“, der 2023 auf Basis dessen Inhalte erstellt wurde. Laut dem Verlag wurden einzelne Artikel dort entsprechend der Position des Kremls bearbeitet, insbesondere im Hinblick auf den Krieg gegen die Ukraine.

Interne Materialien zeigen, dass SDA die Wirksamkeit seiner Kampagnen bewertete. So wird eine gefälschte Geschichte erwähnt, wonach die Mutter des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj angeblich zwei Wohnungen im Dubai-Hochhaus Burj Khalifa gekauft habe. Nach Schätzung der Autoren erreichte diese Geschichte rund 86 Millionen Aufrufe. Einen erheblichen Teil der Reichweite stellten Teilnehmer des Netzwerks sicher, die sie in sozialen Medien verbreiteten.

Separat wurde gefälschte Informationen über den angeblichen Kauf einer Villa in Frankreich durch den armenischen Ministerpräsidenten Nikol Paschinjan analysiert. Bloomberg bestätigte die Existenz von 42 Websites, die auf Screenshots aus dem Content-Management-System der Operation zu sehen waren. Fast alle wurden auf einer einzigen russischen IP-Adresse gehostet. Dazu gehörten die Websites spyurk.cyou, sevan.info und khachkar.info, die Seiten über Armenien enthielten, die aus der russischsprachigen Wikipedia kopiert wurden.