Der umfassende Krieg hat zu einer beispiellosen Verschlechterung des psychischen Zustands der Bevölkerung in der Ukraine geführt. Experten schätzen, dass bereits etwa die Hälfte der Bürger des Landes mit verschiedenen psychischen Problemen konfrontiert ist, und die Anzahl der Fälle, in denen Ärzte Symptome von Störungen feststellen, hat sich im letzten Jahr vervielfacht.
Diese Daten wurden von Bohdan Bozhuk, dem Geschäftsführer des Instituts für Arbeitsmedizin der Nationalen Akademie der Medizinischen Wissenschaften der Ukraine (NAMWU) benannt nach J. I. Kundiev, in einem Interview mit RBC-Ukraine bekannt gegeben. Er betonte, dass die Invasion die Lebens- und Arbeitsbedingungen radikal verändert hat und einen ständigen Stresshintergrund für jeden Menschen geschaffen hat.
Risikofaktoren: Von Ängsten bis zur Unsicherheit
Der Experte stellt fest, dass sich den traditionellen beruflichen Risiken neue, für Kriegszeiten spezifische Risiken hinzugefügt haben. Die Hauptfaktoren, die die Psyche zerstören, sind:
- Ständige Luftalarme;
- Gezwungene Umzüge und der Verlust von Wohnraum;
- Stromausfälle;
- Störungen des Arbeits- und Ruheplans;
- Wirtschaftliche Instabilität.
Studien zeigen, dass Ukrainer nun durchschnittlich 40 Minuten weniger schlafen als normal. Wenn man Schlafmangel und wirtschaftliche Ängste zusammenfasst, verzeichnen Experten eine ständige psychoemotionale Überlastung, erhöhte Angstzustände und chronische emotionale Erschöpfung.
Auswirkung von Stress auf die körperliche Gesundheit
Psychischer Stress bleibt nicht isoliert vom Körper. Bozhuk warnt davor, dass chronischer Stress eine Verschlimmerung somatischer Erkrankungen auslöst. Gefährdet sind das Herz-Kreislauf-System, das endokrine System und die Verdauungsorgane.
Obwohl ein plötzlicher Anstieg der Sterblichkeit durch Herzinfarkte oder Schlaganfälle bisher nicht registriert wurde, stellen Ärzte fest, dass der negative Einfluss von Stress auf den Körper anhält. Die genaue Anzahl der psychiatrischen Diagnosen ist schwer zu benennen, da diese nur von einem Arzt bei freiwilliger Vorstellung des Patienten gestellt werden können. Der Anstieg der Symptome, die auf Störungen hindeuten, ist jedoch offensichtlich.
„Seit Beginn des großen Krieges ist die Anzahl der Fälle, in denen auf Basis der Symptome Störungen vermutet werden können, laut verschiedenen Studien um das Drei- bis Fünffache gestiegen', so der Experte.
Krise im Gesundheitswesen
Besondere Sorge bereitet der Zustand des medizinischen Personals. Wenn das posttraumatische Belastungssyndrom (PTBS) vor 2022 hauptsächlich bei Bewohnern der Grenzregionen und Umsiedlern diagnostiziert wurde, werden nun Anzeichen der Störung in breiten Bevölkerungsschichten beobachtet. Ärzte, die in Hotspots arbeiten, befinden sich in einer besonderen Risikogruppe.
Laut Bozhuk weisen etwa 80 % des medizinischen Personals in den Grenzregionen Anzeichen von Burnout auf. Bereits sechs Monate nach Kriegsbeginn wurden bei 14 % von ihnen Anzeichen von PTBS und bei weiteren 9 % Symptome einer Depression festgestellt.
Umfang des Problems und geschlechtsspezifischer Aspekt
Heute benötigen nach Schätzungen der Experten etwa 10 Millionen Ukrainer psychologische Hilfe. Daten der Weltgesundheitsorganisation bestätigen, dass etwa die Hälfte der Bevölkerung über Probleme mit der psychischen Gesundheit berichtet – Werte, die vor dem Krieg um ein Vielfaches niedriger waren.
Wissenschaftler haben auch geschlechtsspezifische Unterschiede in der Wahrnehmung der Belastung festgestellt: Frauen zeigen ein höheres Maß an psychischer Anspannung als Männer.
Weg zur Anpassung und Empfehlungen
Experten und Arbeitgeber diskutieren bereits Maßnahmen zur Minimierung der Schäden für die Arbeitsfähigkeit der Bevölkerung. Zu den Empfehlungen gehören die Einführung flexibler Arbeitszeiten, die Förderung der Fernarbeit und die Schaffung von Programmen zur psychologischen Unterstützung. Es wird auch vorgeschlagen, „Erholungstage' nach nächtlichen Beschussaktionen einzuführen.
Ein wichtiger Aspekt bleibt die Notwendigkeit eines staatlichen Programms zur Anpassung von Veteranen an das zivile Leben und die Arbeit, um eine weitere Verschlechterung der psychischen Gesundheit der Teilnehmer an Kampfhandlungen zu verhindern.