Die Ukraine steht vor einem beispiellosen Gesundheitskrise im Bereich der psychischen Gesundheit. Laut Experten hat sich die Anzahl der Menschen, die Symptome von Angststörungen, Depressionen sowie posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) aufweisen, seit Beginn der Invasion vervielfacht. Das Ausmaß des Problems ist derart, dass heute etwa 10 Millionen Bürger des Landes psychologischer und psychiatrischer Hilfe bedürfen.

Diese Daten wurden von Bohdan Bozhuk, dem Generaldirektor des staatlichen Unternehmens „Institut für Arbeitsmedizin der Nationalen Akademie der Medizinischen Wissenschaften der Ukraine (NAMU)“ nach J.I. Kundiev, in einem Interview mit RBC-Ukraine bekannt gegeben. Nach seinen Worten bestätigt die Statistik, dass der Krieg zum Katalysator für eine massenhafte Verschlechterung des mentalen Zustands der Bevölkerung geworden ist.

Kritische Lage im Gesundheitswesen

Besondere Besorgnis erregt die Situation des medizinischen Personals in den Grenzregionen. Ärzte und Krankenschwestern, die täglich mit den Folgen von Kampfhandlungen und der Behandlung von Verwundeten konfrontiert sind, befinden sich in einer Zone maximalen Risikos. Experten schätzen, dass etwa 80 % der Mediziner in diesen Gebieten Anzeichen von beruflichem Burnout aufweisen.

Die in den ersten sechs Monaten des Krieges gesammelten Statistiken sehen wie folgt aus:

  • 14 % der medizinischen Mitarbeiter zeigten Anzeichen einer PTBS.
  • Weitere 9 % litten unter Depressionen.

Experten weisen auf eine geschlechtsspezifische Besonderheit hin: Frauen zeigen ein höheres Maß an psychischer Belastung, und Störungssymptome werden bei ihnen häufiger registriert.

Der Mechanismus des Burnouts unter Kriegsbedingungen

Berufliches Burnout ist nicht mehr ausschließlich ein Problem „helfender“ Berufe. Unter Kriegsbedingungen sind fast alle Bereiche betroffen, in denen Interaktionen zwischen Menschen stattfinden. Am verwundbarsten bleiben jedoch Ärzte, Psychologen, Lehrer, Sozialarbeiter und Rettungskräfte.

Bohdan Bozhuk erklärt, dass Burnout eine Folge chronischen beruflichen Stresses ist. Auf die Arbeit kommen neue, extreme Faktoren hinzu: die Verringerung des sozialen Schutzes und die Notwendigkeit, Arbeitsabläufe ständig aufgrund von Luftalarmen zu unterbrechen. Das mehrmalige tägliche Begeben in Schutzräume hält den Menschen in einem Zustand ständiger Spannung und verhindert die Erholung des Nervensystems.

„Wenn eine Person nicht kompetent genug ist oder aufgrund psycho-physiologischer Merkmale nicht qualitativ auf eine berufliche Herausforderung reagieren kann, erschöpft sie sich schnell. Arbeit bis zur Erschöpfung verstärkt die Stressreaktion, was das Risiko für die Entwicklung akuter und chronischer Störungen erhöht“, konstatierte der Experte.

Physiologie des Stresses und Gesundheitsrisiken

Selbst diejenigen, die professionell auf Gefahren vorbereitet sind, sind nicht gegen die Folgen gefeit. Zum Beispiel durchlaufen Mitarbeiter des Staatsdienstes für Notfälle (Rettungskräfte), ähnlich wie Soldaten, eine Ausbildung, die die Stressreaktion mildert. Ein akuter Stress provoziert jedoch unvermeidlich ein Ungleichgewicht des vegetativen Nervensystems und eine massive hormonelle Ausschüttung.

Dies führt nicht nur zu psychischen Störungen, sondern auch zu somatischen Erkrankungen. Der Experte betont, dass keine Kurse oder Trainings den Einfluss eines solchen Stressniveaus auf den Körper vollständig neutralisieren können.

Energetiker: Arbeit ohne Versicherung

Eine besondere Risikokategorie bilden Energieversorger, die unter Bedingungen ständiger Angriffe auf die Infrastruktur arbeiten. Nach Angaben von Bozhuk befinden sie sich in einer noch schwierigeren Lage als Rettungskräfte. Bei Mitarbeitern des Energiesektors fehlen häufig umfassende Programme zur Schulung der Stresskontrolle und zum Erlernen der Technik des schnellen Umschaltens. Infolgedessen arbeiten sie unter erhöhtem Risiko für ihre Gesundheit, ohne die notwendigen Instrumente zum Schutz ihrer Psyche zu haben.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) geben etwa 50 % der Ukrainer an, dass sie mehr oder weniger Probleme mit ihrer psychischen Gesundheit haben. Vor Beginn des Krieges waren diese Indikatoren um ein Vielfaches niedriger. Heute muss die Ukraine neue Strategien zur Erhaltung der Arbeitsfähigkeit der Nation unter den Bedingungen des andauernden Krieges finden.