Vier Jahre Krieg und internationale Isolation haben die geopolitische Landschaft für Russland grundlegend verändert. Während Wladimir Putin früher die Bedingungen diktierte, sieht er sich laut westlichen Medienberichten in seinen Beziehungen zu Peking zunehmend in die Rolle eines Bittstellers gedrängt. Währenddessen zeigt China einen kalten Pragmatismus und blickt bereits in die Zukunft, indem es sich auf einen möglichen Machtwechsel im Kreml vorbereitet.
Vom Bewundern zum Verhandeln: Rollenwechsel
Noch im Jahr 2013 nannte Xi Jinping seinen russischen Kollegen ein „Vorbild“ und bewunderte seinen Einfluss auf der Weltbühne. Doch nach Beginn der umfassenden Invasion in der Ukraine verschob sich das Kräfteverhältnis. Heute ist die russische Wirtschaft kritisch vom chinesischen Markt abhängig: Auf China entfallen fast 40 % des Außenhandels Russlands. Gleichzeitig beträgt der Anteil Russlands im Handel Chinas nicht einmal 4 %.
Dieses wirtschaftliche Ungleichgewicht verwandelt Putin in einen abhängigen Partner. Ein deutliches Beispiel war der Mai-Besuch des russischen Staatschefs in Peking. Moskau hatte gehofft, ein Abkommen über den Bau der Gaspipeline „Sila Sibiri – 2“ zu unterzeichnen, doch chinesische Beamte stimmten dem Projekt nur unter einer Bedingung zu: Das Gas muss zum inneren russischen Preis geliefert werden. Tatsächlich forderte Peking vom Kreml eine Subventionierung des Baus.
„Xi empfing Putin wie ein Kaiser, der einen Gast in seiner Burg empfängt – und schickte ihn wieder nach Hause“, kommentierte die Situation der deutsche Geschäftsmann Jörg Wutke.
Symbolik und versteckte Bedrohungen
Der Statuswechsel spiegelte sich sogar in der visuellen Darstellung wider. Auf Fotos des letzten Besuchs, die von chinesischen Medien veröffentlicht wurden, ist Wladimir Putin so dargestellt, als blicke er von unten nach oben auf ein gemeinsames Porträt mit Xi Jinping. In Peking wurde versichert, dass die Inszenierung nicht darauf abzielte, den russischen Staatschef zu demütigen, doch die Symbolik ist offensichtlich.
Zudem ist Peking ernsthaft besorgt über die militärische Zusammenarbeit Russlands mit Nordkorea. Chinesische Beamte fürchten, dass die Übertragung russischer Technologien das nukleare Potenzial Pjöngjangs stärken könnte, was Südkorea und Japan wiederum zu einer noch engeren Allianz mit den USA drängen würde.
Strategie „Nach Putin“
Chinesische Strategen beschränken sich nicht mehr auf den aktuellen Moment. Peking stärkt aktiv die Kontakte zu russischen Beamten und Vertretern der Elite, die den Kurs des Landes nach dem Abgang Wladimir Putins bestimmen könnten. China baut langfristige Verbindungen nicht nur zum derzeitigen russischen Führungsteam auf, sondern auch zu jenen, die in Zukunft Einfluss auf die Politik des Landes nehmen werden.
Ende Juni forderte Peking überraschend öffentlich Kiew und Moskau auf, wieder an den Verhandlungstisch zurückzukehren und die Kampfhandlungen einzustellen. Zum ersten Mal erwähnte ein chinesischer Diplomat das Leid der Zivilbevölkerung in der Ukraine, was als Signal für einen Rhetorikwechsel gewertet wurde.
Doch im Hintergrund der diplomatischen Worte finden weiterhin geheime Aktionen statt. Anfang Juli wurde bekannt, dass Russland und China geheime Militärmanöver im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine durchgeführt haben. An diesen nahmen Generäle beider Länder teil, und die Vorbereitung wurde persönlich vom russischen Verteidigungsminister genehmigt.