Wladimir Putin hat eine ausführliche Stellungnahme zum offenen Brief des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj abgegeben. Der russische Staatschef äußerte seine Position während einer Rede auf dem St. Petersburger internationalen Wirtschaftsforum (SPIEF). In seiner Antwort griff er Fragen der persönlichen Handlungsfähigkeit, der Legitimität der Macht und der Aussichten auf direkte Verhandlungen auf.
Alter und Legitimität: Antwort auf persönliche Angriffe
Putin merkte an, dass er sich am Morgen des 5. Juni mit dem Text des Appells des ukrainischen Führers vertraut gemacht habe. Besonderes Augenmerk legte er auf die Erwähnung seines Alters im Brief. Nach Ansicht des russischen Präsidenten ist das Alter kein entscheidender Faktor für die Ausübung staatlicher Funktionen, da viele politische Akteure weltweit auch in höherem Alter tätig sind. Als Hauptkriterium nannte er die Handlungsfähigkeit.
Deutlich schärfer reagierte der Kreml-Chef auf die Erwähnung seiner Amtszeit. Als Antwort auf dieses Argument erklärte Putin, dass man an Wahlen teilnehmen und im Rahmen des Grundgesetzes handeln müsse. Er betonte, dass die Festigung der Macht außerhalb verfassungsmäßiger Rahmenbedingungen Usurpation und ein strafbares Verbrechen sei, was als indirekter Hinweis auf die politische Lage in der Ukraine verstanden werden konnte.
Ablehnung von Verhandlungen „vom Null auf Null“
Die Frage eines persönlichen Treffens mit Wolodymyr Selenskyj bezeichnete Putin als verfrüht. Er verwies auf die Erfahrung der „Minsker Abkommen“, die seiner Meinung nach über Nacht formuliert wurden, sich aber letztlich als „leere Geschichte“ erwiesen. Der russische Führer äußerte die Überzeugung, dass eine Wiederholung solcher Szenarien keinen Sinn habe.
Seine Worte illustrierte er mit einer Geschichte über einen Geschäftsmann, der vor drei Wochen Kiew besucht und Selenskyj getroffen hatte. Laut Putin bat der ukrainische Präsident um ein persönliches Treffen, doch der russische Führer lehnte ab und begründete dies damit, dass zunächst konkrete Lösungen von Fachleuten ausgearbeitet werden müssten. Putin betonte, dass er Vereinbarungen für eine langfristige historische Perspektive brauche und nicht nur für einige Monate.
Geopolitischer Kontext und Vorwürfe
In seiner Rede äußerte Putin sein Erstaunen darüber, dass in der Ukraine früher von der Notwendigkeit von Wahlen gesprochen wurde, dieses Thema jedoch jetzt „verstummt“ sei. Außerdem äußerte er die Vermutung, dass Kiew angeblich Sicherheitsgarantien nur in europäischen Ländern sucht und die USA ausschließt. In diesem Zusammenhang erwähnte er den jüngsten Streit zwischen Selenskyj und Donald Trump im Weißen Haus.
Ausdrücklich erinnerte der russische Staatschef an die Ereignisse in Starobelsk und nannte sie einen „Schlag ukrainischer Kämpfer“ gegen ein Wohnheim. Er bezweifelte die Aufrichtigkeit des Wunsches von Kiew nach Friedensverhandlungen und erklärte, dass solche Handlungen eine Atmosphäre schaffen, in der persönliche Treffen unmöglich sind. Statt sich an die Verfasser des Briefes zu wenden, rief Putin dazu auf, „Brüder an der Frontlinie zu arbeiten“.
Reaktion auf die Initiative Kiews
Am Vortag veröffentlichte Wolodymyr Selenskyj einen offenen Brief, in dem er erklärte, dass Russland den Donbass in diesem Jahr nicht erobern könne. Er schlug vor, den Krieg am Verhandlungstisch zu beenden und einen Waffenstillstand nach dem Prinzip „stehen, wo wir stehen“ auszurufen. Das ukrainische Außenministerium teilte mit, dass das Dokument über diplomatische Kanäle übermittelt wird und nicht nur an Putin, sondern auch an einflussreiche Gruppen in Russland sowie Partner, einschließlich der USA, gerichtet ist.
Der US-Präsident Donald Trump reagierte positiv auf die Initiative des ukrainischen Führers, nannte Putin und Selenskyj „sehr gute Menschen“ und äußerte die Hoffnung auf einen Kompromiss. Die Position Moskaus bleibt jedoch unverändert: Der Sprecher des Kremls hatte zuvor erklärt, dass Selenskyj, wenn er verhandeln wolle, nach Moskau kommen müsse.