Washington hat in den letzten Tagen eine Reihe von Signalen ausgesendet, die westliche Diplomaten als eine Anpassung der Erwartungen bezüglich der Regelung in der Ukraine werten. Berichten von RBC-Ukraine zufolge, die sich auf Veröffentlichungen des Radio-Svoboda-Journalisten Alex Raufoglu stützen, hat US-Außenminister Marco Rubio in vertraulichen Gesprächen mit Vertretern westlicher Missionen zwei sensible Themen erörtert: die Aussichten auf eine Teilnahme Wladimir Putins am G20-Gipfel im Dezember in Miami und die Möglichkeit eines NATO-Beitritts der Ukraine. Beide Themen erhielten dem Vernehmen nach eine zurückhaltend-pessimistische Einschätzung des amerikanischen Diplomaten.
Private Signale an Diplomaten
Drei hochrangige westliche Diplomaten erklären, Rubio habe in den letzten zwei Tagen in informellen Gesprächen Zweifel daran geäußert, dass der russische Staatschef überhaupt am G20-Gipfel teilnehmen werde, der für Dezember in Miami geplant ist. Quellen zufolge gewannen die Diplomaten nach diesen Gesprächen den festen Eindruck, dass der US-Außenminister nicht daran glaubt, dass Putin in absehbarer Zeit zu irgendeiner Einigung bezüglich der Ukraine bereit ist – ein Zeitrahmen, der ihrer Einschätzung nach mindestens auf das Frühjahr 2027 verschoben ist.
NATO: „Kurzfristig unrealistisch“
Getrennt davon wurde das Thema des Bündnisses hinter den Kulissen angesprochen. Derselben Quelle zufolge bezeichnete Rubio die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine als Sicherheitsinstrument als „kurzfristig unrealistisch“ und fügte hinzu, Putin würde einem solchen Szenario „niemals zustimmen“. Der entscheidende hemmende Faktor sei dieser Einschätzung nach somit nicht die Haltung Brüssels oder Washingtons, sondern die rote Linie Moskaus.
Öffentliche Haltung: Krieg beenden statt Bündniserweiterung
Öffentlich äußerte sich Rubio zurückhaltender, zielte jedoch in dieselbe Richtung. Auf die Frage nach einem NATO-Beitritt der Ukraine lehnte er ein klares Ja oder Nein ab und betonte, dass das Verfahren einen Konsens und die Einstimmigkeit aller Mitgliedstaaten erfordert und die Frage daher „derzeit nicht auf der Tagesordnung steht“. Als Hauptziel der US-Politik gegenüber der Ukraine nannte der Außenminister die Beendigung der Kampfhandlungen: Washington konzentriere sich darauf, Möglichkeiten zur Beendigung des Konflikts und zur Senkung der Menschenverluste zu finden, hege jedoch Zweifel daran, dass die Parteien bereits kurz vor einer Regelung stehen oder der Krieg auf dem Verhandlungsweg schnell beendet werden kann.
Selenskyj und der G20-Gipfel
In demselben öffentlichen Kommentar erklärte Rubio, dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am G20-Gipfel teilnehmen könne, wenn er eine entsprechende Einladung vom US-Präsidenten Donald Trump erhalte. Damit ist die Teilnahme Kyjiws am Dezember-Gipfel faktisch an eine politische Entscheidung Washingtons geknüpft und nicht an automatische protokollarische Abläufe.
Was das bedeutet
Die Gesamtheit der privaten und öffentlichen Aussagen zeichnet ein konsistentes Bild: Kurzfristig betrachtet Washington die NATO-Erweiterung auf die Ukraine nicht als gangbares Szenario und erwartet vor dem Frühjahr 2027 keinen Durchbruch bei den Verhandlungen. Die zentrale Variable bleibt Moskaus Haltung – insbesondere Putins Bereitschaft (oder mangelnde Bereitschaft) zum Kompromiss bestimmt nach Einschätzung des US-Außenministers das Tempo und die grundsätzliche Möglichkeit einer Regelung. Der Unterschied zwischen „kurzfristig unrealistisch“ hinter verschlossenen Türen und „steht nicht auf der Tagesordnung“ in der Öffentlichkeit ändert nichts am Kern: Beide Formulierungen schließen eine rasche NATO-Mitgliedschaft der Ukraine aus und verlagern den Fokus von der Bündniserweiterung auf den Versuch, die Kämpfe zu stoppen.