Die Situation beim Export ukrainischen Getreides durch das Schwarze Meer hat einen kritischen Punkt erreicht. Eine Serie russischer Angriffe auf die Hafeninfrastruktur von Odessa und den angrenzenden Gebieten hat dazu geführt, dass die logistische Kette, die nach dem Austritt Russlands aus der „Getreideinitiative“ wiederhergestellt worden war, erneut vor dem vollständigen Zusammenbruch steht.

Laut Daten, die von der Financial Times veröffentlicht und von RBK-Ukraine wiedergegeben wurden, sind die Kosten für die Versicherung von Seetransporten stark gestiegen, und Reeder weigern sich massenhaft, Schiffe in ukrainische Häfen zu entsenden. Dies erzeugt einen Dominoeffekt: Händler stellen die Einkäufe ein, und die Getreidepreise an den Weltbörsen beginnen, rasch zu steigen.

Zerstörung der Infrastruktur und menschliche Opfer

Das Ausmaß der den Häfen zugefügten Schäden ist enorm. Laut dem maritimen Sicherheitsunternehmen Ambrey haben die Lagerkapazitäten des größten ukrainischen Hafens in Odessa infolge von Drohnenangriffen um etwa ein Drittel abgenommen. Das bedeutet, dass selbst bei Verfügbarkeit von Schiffen physisch kein Platz vorhanden ist, um einen erheblichen Teil der Ernte zu lagern und umzuladen.

Auch der menschliche Faktor spielt eine entscheidende Rolle bei der Einstellung des Exports. Die Verwaltung der Seehäfen der Ukraine berichtet von tragischen Folgen der Dutzende von Angriffen in den letzten zwei Wochen. 11 Menschen kamen ums Leben, darunter sowohl Mitarbeiter der Hafendienste als auch ausländische Seeleute. Diese Verluste verstärken die Angst vor dem Betreten der Gewässer des Schwarzen Meeres.

Wirtschaftslähmung: Von der Fracht bis zur Versicherung

Analysten verzeichnen einen starken Rückgang des Interesses an ukrainischem Getreide. Mascha Belikowa, Analystin für den Getreidemarkt, stellt fest, dass die russischen Angriffe bereits vier Tage hintereinander andauern, was dazu geführt hat, dass Schiffe einfach nicht mehr in die Häfen einlaufen wollen. Die inneren Einkaufspreise sind faktisch verschwunden, und Angebote für neue Frachtaufträge von Reedern haben sich eingestellt.

Ein Schlüsselfaktor, der die Logistik blockiert, ist die Versicherung. Pawel Sosnowski, Analyst der Firma International Seaborne Market (ISM), berichtete, dass einige Schiffe außerhalb der ukrainischen Hoheitsgewässer stehen bleiben und auf eine Risikobewertung warten. Darüber hinaus haben mehrere große Versicherer die Versicherung von Kriegsrisiken für Fahrten in ukrainische Häfen vollständig ausgesetzt.

Globale Folgen für den Lebensmittelmarkt

Probleme beim Export aus der Ukraine und Russland, auf die zusammen etwa ein Drittel der weltweiten Weizenlieferungen entfallen, machen sich bereits auf globaler Ebene bemerkbar. Reuters stellt fest, dass Unterbrechungen in der Schifffahrt zu einem ernsthaften Mangel führen könnten.

Der Markt reagiert sofort: Weizen-Futures an der Chicagoer Warenbörse erreichten ein Maximum seit fast zwei Jahren, und die Preise für Mühlenweizen in Paris stiegen auf das höchste Niveau der letzten 17 Monate. Der Geschäftsführende Direktor der Beratungsfirma SovEcon, Andrei Sizov, warnt davor, dass der Markt beginnt zu erkennen: Dies ist kein kurzfristiger Preissprung, sondern ein langfristiger Trend, der eine erhebliche Senkung der Exportprognosen erfordern und die Situation mit den weltweiten Vorräten verschlechtern wird.

Alternative Routen und Perspektiven

Um die Exportströme aufrechtzuerhalten, erwägen Marktteilnehmer alternative Optionen. Es wird diskutiert, den Transport über die Donauhäfen zu erhöhen, mit anschließender Verschiffung der Güter durch den rumänischen Hafen Constanța. Diese Route wurde bereits in den ersten Jahren des umfassenden Krieges genutzt, aber ihre Durchgangskapazität ist begrenzt.

Trotz der verstärkten Angriffe beabsichtigt die Ukraine, die Exportvolumen von Getreide nicht unter dem Niveau der letzten Saison zu halten. Allerdings hat das Land, laut Einschätzung der Ukrgasbank (UAC), aufgrund der Angriffe auf die Häfen des Schwarzen Meeres bereits etwa ein Drittel der Exportkapazitäten verloren. Gleichzeitig verschlechtern sich auch die Exportmöglichkeiten Russlands aufgrund ukrainischer Angriffe auf Schiffe im Asowschen Meer, Verzögerungen bei der Erntekampagne und Treibstoffproblemen, was zu einer Senkung der Exportprognosen für russischen Weizen im Juli um etwa 20 % geführt hat.