Die geopolitische Landkarte des Südkaukasus wird erneut zum Schauplatz eines harten Spiels. Moskau, unzufrieden mit Yerevans Bestreben, sich der Europäischen Union anzunähern, ist von diplomatischen Noten zu direkten wirtschaftlichen Drohungen übergegangen. Im Zentrum des Konflikts steht die Energieabhängigkeit Armeniens, die der Kreml als Druckhebel nutzen will.
Brief mit Ultimatum
Das Signal kam auf höchster Ebene. Der russische Energieminister Sergei Tsiviljew sandte ein offizielles Schreiben an das Ministerium für Territorialverwaltung und Infrastruktur Armeniens. In dem Dokument befindet sich eine harte Warnung: Wenn Yerevan den Kurs auf die europäische Integration fortsetzt, könnte Russland die Bedingungen der Zusammenarbeit einseitig überdenken.
Auf dem Spiel steht das Schicksal der zwischenstaatlichen Vereinbarung von 2013. Genau dieses Dokument garantiert Armenien den Zugang zu russischen Energieressourcen und Diamanten zu günstigen Bedingungen, befreit von Exportzöllen. Moskau erklärt, dass die Eurointegration die wirtschaftlichen Interessen Russlands gefährdet, und ist bereit, den Vertrag zu kündigen.
Energiefalle
Für Armenien klingt dieses Ultimatum wie ein Urteil. Die Wirtschaft des Landes ist kritisch von russischen Lieferungen abhängig: Yerevan importiert praktisch den gesamten Gasbedarf und einen erheblichen Teil der Erdölprodukte aus Russland. Experten sind sich einig, dass im Falle der Aufhebung des visafreien Regimes für Ressourcen ein Wechsel der Lieferanten kurzfristig unmöglich sein wird.
Der Umstieg auf alternative Quellen wird unweigerlich zu einem starken Anstieg der Preise für Kraftstoff und Gas führen, was sich auf die Geldbeutel der Bürger und die Stabilität der Wirtschaft auswirken wird. Russland ist sich dieser Schwachstelle bewusst und nutzt sie, um die Außenpolitik des Nachbarn zu korrigieren.
Offene Konfrontation
Die Spannung wächst nicht nur in wirtschaftlichen Kreisen. Vor kurzem äußerte Wladimir Putin offen seine Unzufriedenheit mit der Wahl Armeniens und sprach von der "Unannehmbarkeit" des Westkurses. Er deutete sogar auf die Möglichkeit eines Szenarios hin, das den Ereignissen in der Ukraine 2014 ähnlich ist, was als direkte Warnung vor den Risiken einer Aggression gewertet werden kann.
Als Antwort betonte der armenische Premierminister Nikol Paschinjan bei einem Treffen mit dem russischen Führer die demokratischen Erfolge seines Landes. Er hob das Fehlen politischer Gefangener und die Freiheit der Arbeit sozialer Netzwerke hervor, um zu zeigen, dass Yerevan seinen eigenen Entwicklungsweg geht.