Die Situation beim Personalnachwuchs für die russischen Streitkräfte erreichte im August 2026 einen kritischen Punkt, der die regionalen Behörden zu beispiellosen finanziellen Anreizen zwang. Laut dem Magazin The Moscow Times, auf das sich RBC-Ukraine beruft, hat sich die Anzahl der russischen Subjekte, die Zahlungen für die Rekrutierung für den Krieg gegen die Ukraine praktizieren, fast verdoppelt. Wenn es im August 2025 noch 31 solcher Regionen waren, hat sich dieser Indikator derzeit auf 56 erhöht. Experten verbinden diesen Sprung mit einem starken Rückgang der Zahl der Freiwilligen und der Notwendigkeit, die enormen Verluste an der Front ohne eine neue landesweite Mobilisierung zu decken.

Finanzieller Wettlauf und das „Smolensk-Phänomen“

Die dramatischsten Veränderungen ereigneten sich in subventionierten Regionen, die versuchen, Kandidaten von wohlhabenderen Gebieten abzuwerben. Ein leuchtendes Beispiel ist die Oblast Smolensk, wo die Belohnung für Rekrutierer („Kopfgeldjäger“) um das Zehnfache gestiegen ist – von 115.000 auf 1 Million Rubel pro Vertragsoldaten. Darüber hinaus erhöhte die Region auch die direkten Zahlungen an die Vertragsoldaten selbst: von 1,6 auf 2,1 Millionen Rubel. Im Jahr 2026 überprüften acht Regionen ihre Zahlungsprogramme und erhöhten sie, wobei einige dies mehrfach taten, um die Pläne des Verteidigungsministeriums um jeden Preis zu erfüllen.

Schattenstrukturen und „Rekrutierungs“-Agenturen

Die Struktur der Zahlungen in Russland ist extrem ungleichmäßig geworden. In 38 von 56 Regionen sind die Vergütungen für die Rekrutierung in offiziellen kommunalen Programmen verankert. In 18 Subjekten werden die Zahlungen jedoch über Schattenstrukturen – private Rekrutierungsagenturen – geleistet. Im Laufe des Krieges wurden im Land rund 100.000 solcher Firmen gegründet, die oft als legale „Decke“ für illegale Rekrutierung dienen. In der Oblast Kemerowo haben die Behörden beispielsweise die Zahlungen für Sicherheitskräfte und zivile Werber gleichgesetzt und einen einheitlich hohen Tarif festgelegt, um alle Mitarbeiter staatlicher Strukturen zur Rekrutierung von Menschen zu motivieren.

Krise der Freiwilligen und Zwangsmethoden

Der Anstieg der Zahlungen erfolgt vor dem Hintergrund eines katastrophalen Rückgangs der Zahl der Freiwilligen. Nach Berechnungen des deutschen Ökonomen Janis Kluge ist die Rekrutierung von Vertragsoldaten auf den niedrigsten Stand der letzten drei Jahre gefallen. Im ersten Halbjahr 2026 konnten die Regionen nur etwa 200.000 Menschen rekrutieren, was die monatlichen Verluste der Armee, die 40.000 Menschen erreichen, nicht deckt. Als Reaktion darauf griffen die Behörden einiger Regionen, einschließlich der Oblaste Penza, Rostow und Nowosibirsk, zu Zwangsmethoden: Im Juli fanden massenhafte „Razzien“ gegen Männer statt, die unter Androhung strafrechtlicher Verfolgung oder administrativem Druck gezwungen wurden, Verträge zu unterschreiben.

Widersprüchliche Daten

Es gibt Diskrepanzen bei der Einschätzung der Wirksamkeit der aktuellen Rekrutierungspolitik. Einerseits behaupten Menschenrechtsverteidiger und unabhängige Experten, dass die Regionen direkte Anweisungen zur Durchführung aggressiver Rekrutierung erhalten haben, da „wenn die Rekrutierung nicht funktioniert, eine Mobilisierung durchgeführt wird“. Andererseits glätten offizielle Quellen oft das reale Bild und erkennen den Mangel an Personal nicht an. Der Ökonom Dmitri Nekrassow ist der Ansicht, dass der Wettlauf um Zahlungen nur eine vorübergehende Maßnahme ist, um die unvermeidliche neue Welle der Mobilisierung hinauszuzögern, da die finanziellen Anreize ihre Attraktivität für die Bevölkerung bereits erschöpft haben.