Die geopolitische Landkarte der Region beginnt sich erneut unter Druck zu verändern. Die Mitgliedstaaten der Eurasischen Wirtschaftsgemeinschaft (EAWG) und der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) haben eine harte Forderung an Armenien gestellt: Eriwan muss sich endgültig für seine Entwicklungsrichtung entscheiden. In einer offiziellen Erklärung, die auf der Website des Kremls veröffentlicht wurde, riefen die Führer Russlands, Weißrusslands, Kasachstans und Kirgisistans die armenische Führung auf, eine landesweite Volksabstimmung abzuhalten.
Vertrauenskrise und Suche nach neuen Verbündeten
Anlass für diese scharfe Reaktion war die Abkühlung der Beziehungen zwischen Eriwan und Moskau. Bereits im September 2023 hatte Armenien offen Unzufriedenheit über das Untätigsein der OVKS während der Operation Aserbaidschans in Bergkarabach zum Ausdruck gebracht. Dieses Ereignis wurde zum Wendepunkt: Eriwan begann, sich aktiver dem Westen anzunähern und sich vom traditionellen Partner Russland zu entfernen.
In diesem Zusammenhang unterstützte der US-Präsident Donald Trump öffentlich den Premierminister Nikol Pashinyan und nannte ihn einen „großen Freund und Führer“. Darüber hinaus kündigte Washington den Start eines groß angelegten Verkehrsprojekts namens TRIPP an, das durch das Gebiet Armeniens führen soll. Dies war ein Signal für Eriwan: Es beabsichtigt nicht mehr, sich ausschließlich auf einen einzigen Verbündeten zu verlassen.
Wirtschaftliche Drohungen und das „ukrainische Szenario“
Moskau blieb nicht untätig und verstärkte den Druck auf Armenien durch wirtschaftliche Hebel. Der russische Energieminister Sergei Tsivilev warnte vor einer möglichen Aufhebung der vergünstigten Lieferungen von Gas, Erdölprodukten und Diamanten. Der stellvertretende Außenminister Michail Galuzin erklärte, dass das Bestreben Armeniens nach europäischer Integration für Moskau „absolut inakzeptabel“ sei und den Verpflichtungen im Rahmen der EAWG widerspreche.
Auch Wladimir Putin drohte Pashinyan mit dem „ukrainischen Szenario“, falls Armenien weiterhin in Richtung EU streben sollte. Er forderte Eriwan auf, außenpolitische Schritte mit dem Kreml abzustimmen und die Position Moskaus in Bezug auf die europäische Integration zu berücksichtigen.
Volksabstimmung als Druckmittel
Die Forderung nach einer Volksabstimmung kann als Versuch des Kremls gesehen werden, die Kontrolle über die Situation zurückzugewinnen. Wenn Armenien diesem Schritt zustimmt, könnte dies ein Mittel zur Legitimierung des aktuellen Kurses oder umgekehrt ein Instrument zur Schaffung innerer Meinungsverschiedenheiten sein. In jedem Fall befindet sich Eriwan in einer schwierigen geopolitischen Falle, in der jeder Schritt schwerwiegende Folgen haben kann.
Die Lage bleibt angespannt, und die weiteren Schritte Armeniens werden davon abhängen, wie erfolgreich es gelingt, zwischen den Interessen Russlands und des Westens auszubalancieren. Eine Volksabstimmung, falls sie stattfindet, könnte ein entscheidender Moment bei der Bestimmung der Zukunft des Landes werden.