Mikheil Saakaschwili, der sich in Haftanstalt in Tiflis befindet, hat schriftliche Antworten an den internationalen Sender Deutsche Welle gegeben. In seiner Stellungnahme charakterisierte der ehemalige Präsident Georgiens, der derzeit ukrainischer Staatsbürger ist, seinen rechtlichen Status als dem eines Kriegsgefangenen gleichwertig. Doch jenseits seiner persönlichen Situation formulierte der Politiker harte Prognosen für die geopolitische Zukunft Osteuropas und wies auf nicht offensichtliche Hindernisse für den Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union hin.
Rechtlicher Status und innenpolitische Rhetorik
Mikheil Saakaschwili wurde im Oktober 2021 in Georgien festgenommen. Derzeit verbüßt er eine sechsjährige Haftstrafe wegen des Vorwurfs der Machtmissbrauchs – es geht um die Fälle der Schlägerei mit dem Abgeordneten Waleri Gelasschwili und des Mordes an dem Bankmitarbeiter Sandro Girgwljan. Zudem ist der ehemalige Politiker in Strafverfahren wegen Veruntreuung und illegaler Grenzüberquerung verwickelt.
Saakaschwili behauptet, dass sein Haftregime durch strenge Isolation gekennzeichnet ist und die Koordination seiner Fälle von externen Einflusszentren geleitet wird. Als Demonstration seiner politischen Haltung bestätigte er, dass er ausschließlich die ukrainische Staatsbürgerschaft besitzt. In einem Interview warf er der regierenden Partei „Georgischer Traum“ vor, die Interessen Russlands zu lobbyieren und die Umgehung von Sanktionen über das georgische Finanzsystem zu unterstützen.
Der Politiker ist der Ansicht, dass die aktuelle Politik Tiflis, einschließlich der Aussetzung der Verhandlungen über die EU-Integration, langfristige Risiken für die Sicherheit des Landes birgt und zum Verlust der Souveränität zugunsten Moskaus führen könnte. Das offizielle Tiflis weist hingegen Behauptungen über eine politische Motivation der Haft des ehemaligen Präsidenten zurück und betont die Rechtmäßigkeit der Gerichtsurteile. Die Staatsanwaltschaft und der Strafvollzug Georgiens kommentieren die neuen Aussagen nicht und verweisen auf die Einhaltung internationaler Normen.
Prognosen zum Konflikt und zur Deokkupation
Bei der Einschätzung des Kriegsverlaufs verknüpfte Saakaschwili die Perspektiven der Deokkupation ukrainischer Gebiete mit der Stabilität des politischen Regimes in Russland. Nach seiner Meinung haben Angriffe auf kritische und militärische Infrastruktur Russlands eine destabilisierende Wirkung auf das innere Regierungssystem, was ein Schlüsselfaktor für die Befreiung der Gebiete ist.
Wirtschaftliche Barrieren für die Ukraine in der EU
In Bezug auf die Integration der Ukraine in europäische Institutionen verlagerte der ehemalige Präsident den Fokus von der üblichen Anti-Korruptions-Agenda auf harte wirtschaftliche Realitäten. Er hob zwei Hauptfaktoren hervor, die den Beitrittsprozess verlangsamen könnten:
- Landwirtschaftlicher Sektor: Saakaschwili nannte den Wettbewerb des ukrainischen Agrarindustriekomplexes mit Produzenten aus West- und Mitteleuropa als Schlüsselbarriere. Tarifliche und produktionstechnische Herausforderungen könnten zu einem ernsthaften Hindernis werden.
- Politischer Protektionismus: Nach Einschätzung des Politikers könnte der wirtschaftliche Widerstand europäischer Agrarlobbys die Verhandlungen stärker verlangsamen als die Nichteinhaltung der reformatorischen Kriterien Brüssels.
In Bezug auf das Völkerrecht ist festzuhalten, dass der Status eines Kriegsgefangenen durch die Dritte Genfer Konvention geregelt ist und nicht automatisch auf Personen zutrifft, die von nationalen Gerichten wegen allgemeiner Straftaten verurteilt wurden. Die Bewertung der Rechtmäßigkeit der Urteile bleibt in der Zuständigkeit der Justizbehörden Georgiens.