Der britische Schauspieler und Komiker Sacha Baron Cohen hat im Magazin Time eine Kolumne mit dem Titel „Why Satire Is No Laughing Matter“ („Warum man Satire nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte“) veröffentlicht, in der er sein Verständnis der Rolle von Satire in der modernen Gesellschaft systematisch darlegt. In dem Beitrag erörtert Cohen die Mechanismen, durch die seine kultigen Figuren — Borat, Ali G und andere — als Instrumente zur Entlarvung von Vorurteilen, Diskriminierung und politischer Dummheit dienen. Als wichtigstes Beispiel führt er die Karriere des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj an, dessen Weg von einer satirischen Fernsehserie bis ins Präsidentenamt laut dem Autor ein eindrucksvoller Beweis für die Macht des Humors ist.
Satire als Mittel, nicht als Selbstzweck
Die thesenhafte Mitte der Kolumne stützt sich auf die Idee, dass Humor eine doppelte Funktion erfüllt: er ist unterhaltsam und zugleich kognitiv. „Ich habe meine Figuren und meinen Humor immer als Mittel zur Entlarvung von Vorurteilen, Diskriminierung und Dummheit geschaffen, auch wenn mir bewusst ist, dass das nicht jeder so wahrnimmt“, schreibt Cohen. Gleichzeitig betont er, dass Satire dann am effektivsten ist, wenn sie nicht in Moralismus abgleitet. „Ich gebe zu, dass ein Großteil meines Humors tatsächlich primitiv ist. Das liegt daran, dass Satire nicht dann am wirksamsten ist, wenn sie belehrt, sondern wenn sie mit Lachen verbunden ist. Und erst wenn man das Kino verlässt oder den Fernseher ausschaltet, regt sie zum Nachdenken an“, erklärt der Schauspieler. Damit baut Cohen eine klare Logik auf: Das Lachen ist ein „trojanisches Pferd“, durch das kritischer Gedanke ungehindert in das Bewusstsein des Zuschauers eindringt.
Die Mechanik der Figuren: Von Borat bis Ali G
Cohen analysiert detailliert, wie jede seiner bekannten Figuren nach einem eigenen Drehbuch funktioniert. Borat — ein fiktiver Journalist aus Kasachstan — entlarvt nach dem Willen des Autors Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Sexismus und Alltagsrassismus, indem er Gesprächspartner in Live-Sendungen dazu bringt, Dinge auszusprechen, die sie sonst verschweigen. Ali G hingegen spielt die Rolle eines wenig intelligenten Moderators, dessen absurde Fragen dazu führen, dass einflussreiche Personen ihn unterschätzen. „Seine absurden Fragen zwingen einflussreiche Menschen dazu, ihn zu unterschätzen und ernsthaft zu antworten, wodurch sie ihre eigenen Vorurteile offenbaren“, formuliert Cohen. Beide Figuren erfüllen seinen Angaben zufolge dieselbe Funktion — sie schaffen eine Situation, in der ein Mensch freiwillig seine verborgenen Einstellungen offenbart —, nutzen dafür jedoch grundlegend unterschiedliche komödiantische Mittel.
Selenskyj als Argument: Von der Satire an die Macht
Als eines der zentralen Beispiele in der Kolumne nennt Cohen die Geschichte des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. „Er war ein Komiker, der einst so tat, als würde er mit seinem Penis Klavier spielen — ein Trick, der Aristophanes zweifellos gefallen hätte. Doch Selenskyjs TV-Show parodierte die korrupte Oligarchie so treffend, dass er nur vier Jahre nach der Premiere der Serie ,Diener des Volkes‘ selbst zum Präsidenten gewählt wurde“, schreibt Cohen und untermauert den Gedanken mit einem Zitat von George Orwell: „Jeder Witz ist eine kleine Revolution.“ Für Cohen ist dieses Beispiel nicht nur eine Illustration: Es bestätigt seine Thesen darüber, dass Satire nicht nur Politiker und Regime ärgern, sondern gesellschaftliche Prozesse bis hin zu einem Regierungswechsel beeinflussen kann.
Satire unter Druck: Abgesetzte Shows und Trumps Reaktion
Cohen verknüpft die Relevanz von Satire mit aktuellen Ereignissen in der US-Medienlandschaft. Er erwähnt die Absetzung der Show von Stephen Colbert und die vorübergehende Suspendierung des Programms von Jimmy Kimmel — zwei Moderatoren, die laut ihm „häufig die Handlungen der Trump-Administration verspotten“. Der Schauspieler erinnert zudem an die Reaktion von Donald Trump persönlich auf eine Episode, in der Borat im Jahr 2020 den Anwalt Rudy Giuliani entlarvte. „Sogar Trump protestiert zu viel. Als er 2020 gefragt wurde, wie Borat seinen Anwalt Rudy Giuliani als unangenehme Person entlarvte, erinnerte sich Trump an einen Vorfall vor zwei Jahrzehnten, als ich versuchte, ihn als Ali G reinzulegen: ,Er ist ein falscher Typ, und ich finde ihn nicht komisch – ich finde ihn nicht komisch‘“, zitiert Cohen den Ex-Präsidenten. Nach der Absicht des Autors bestätigt gerade eine derartig unverhältnismäßig emotionale Reaktion, dass Satire als reale Bedrohung und nicht als harmloses Entertainment wahrgenommen wird.
Die Grenzen des Humors und die Rolle der Institutionen
Zum Abschluss der Kolumne macht Cohen eine wichtige Einschränkung: Die Möglichkeiten des Humors sind nicht grenzenlos. Seiner Überzeugung nach braucht es zur Erhaltung einer freien Gesellschaft nicht nur Satiriker, sondern auch unabhängige Medien, funktionierende Institutionen und eine aktive Zivilgesellschaft. Satire wird somit nicht als Ersatz für systemische Mechanismen zum Schutz der Demokratie positioniert, sondern als ein Werkzeug in einem größeren Arsenal. Cohens in der Time veröffentlichte Kolumne führt eine Tradition fort, die er seit zwei Jahrzehnten pflegt: Comedy zu einem Gegenstand eines ernsthaften öffentlichen Gesprächs über die Grenzen der Meinungsfreiheit und darüber zu machen, was genau eine Gesellschaft anfällig für autoritäre Entwicklungen macht.