Der Weltmeere könnte Zeuge einer ökologischen Katastrophe im Ausmaß des Jahres 1979 werden. Experten der Schifffahrtsindustrie warnen: „Das Glück geht zu Ende“. Mehr als die Hälfte der Schiffe, die zur sogenannten „Schattenflotte“ gehören, befinden sich in einem kritischen technischen Zustand und stellen eine echte Bedrohung für die Meeresumwelt dar.
Schiffe, die auf ihren Moment warten
Anil Sharma, Geschäftsführer des weltweit größten Schiffsrückbauunternehmens GMS Partnership, erklärte in einem Interview mit der Financial Times, dass ein schwerer Unfall mit Ölaustritt unvermeidlich sei. Nach seinen Einschätzungen könnten die Folgen mit der Katastrophe von 1979 vergleichbar sein, bei der die Kollision zweier Tanker zum Austritt von mehr als 2 Millionen Barrel Öl führte.
Die Situation wird dadurch verschärft, dass Sharma der Ansicht ist, dass mindestens ein Drittel der „schattenhaften“ Tanker sofort zum Abbruch geschickt werden muss. Die tatsächliche Lage ist jedoch noch düsterer: Mehr als die Hälfte der Flotte ist gefährdet.
Demografische Krise auf See
Laut der Maklerfirma Clarksons umfasst die „Schattenflotte“ etwa 1.800 Schiffe, von denen rund 1.500 Öltanker sind. Die meisten von ihnen sind älter als 20 Jahre. Für Frachtschiffe ist dies ein Alter, in dem sie normalerweise zum Schrott geschickt werden. Veraltete Navigations- und Steuerungssysteme sowie Korrosion, die durch jahrelangen Betrieb in der aggressiven Meeresumgebung verursacht wird, stellen ihre Seetüchtigkeit in Frage.
Die Eigentümer dieser Schiffe verlängern ihr Leben jedoch bewusst. Hohe Ölpreise und die Rentabilität des Handels vor dem Hintergrund der Krise im Persischen Golf machen den Betrieb alter Tanker trotz der Risiken wirtschaftlich attraktiv.
Risikofaktoren: Von Besatzungen bis zur Geopolitik
Alexander Saveris, Chef der Reederei CMB Tech, beschreibt die Situation als „einen Unfall, der auf seinen Moment wartet“. Er hebt drei kritische Risikofaktoren hervor:
- Fehlende Versicherung für die meisten Schiffe.
- Schlechte technische Wartung und Verschleiß der Konstruktionen.
- Anwesenheit unqualifizierter Besatzungen an Bord.
Saveris betont, dass es überraschend ist, dass bisher nichts Schwerwiegendes passiert ist, angesichts der Kombination dieser Faktoren.
Der Effekt der „verschlossenen Türen“
Die geopolitische Spannung in der Region spielt einen bösen Scherz. Die Schließung der Straße von Hormus hat den Prozess der natürlichen Flottenverjüngung verlangsamt. Die Länder des Persischen Golfs sind gezwungen, alle verfügbaren Tanker zur Lagerung von Öl zu nutzen, was dazu geführt hat, dass mehrere Schiffe, die eigentlich schon zum Abbruch hätten gehen sollen, im Golf feststecken.
Anpassung an Sanktionen
Das Problem der „Schattenflotte“ gewinnt weiter an Fahrt. Russland erweitert aktiv seine Exportmöglichkeiten für verflüssigtes Erdgas. Insbesondere vier Tanker, die zuvor eine omanische Anlage bedienten, sind bereits an Lieferungen aus dem sanktionierten Projekt Arctic LNG 2 beteiligt.
Unternehmen zeigen eine hohe Anpassungsgeschwindigkeit an den Sanktionsdruck. Schiffe wechseln Flaggen, Eigentümer und Managementstrukturen schneller, als Regulierungsbehörden neue Beschränkungen einführen können. Dies erzeugt eine Illusion von Sicherheit, verzögert aber nach Ansicht der Experten lediglich die unvermeidliche Katastrophe.