Der Weltmarkt für verflüssigtes Erdgas (LNG) steht vor einer beispiellosen Situation: Die größten Akteure der Region, Katar und die VAE, beginnen, taktische Manöver anzuwenden, die zuvor ausschließlich für die russische „Schattenflotte“ charakteristisch waren. Angesichts der Sperrung der Straße von Hormus, durch die ein kritischer Teil des weltweiten Güterverkehrs fließt, sind staatliche Energiegiganten gezwungen, ihre Routen zu verschleiern, um den Export ihrer Produkte sicherzustellen.
Technologien der Tarnung: Abschalten von Transpondern und Wechsel der Besatzungen
Die Unternehmen QatarEnergy und Abu Dhabi National Oil Co. (ADNOC), auf die rund 20 % der weltweiten LNG-Lieferungen entfallen, beginnen, ihre Schiffe in den „Schatten“ zu ziehen. Die Hauptmethode zur Umgehung der Kontrolle besteht im Abschalten von Transpondern – Geräten, die Daten über den Standort des Schiffes übertragen. Dies macht die Verfolgung der Bewegung der Tanker für externe Beobachter praktisch unmöglich.
Zudem greifen die Exporteure auf den Wechsel von Besatzungen und Kapitänen zurück, um die Identifikationskette der Schiffe zu unterbrechen. So wurde beispielsweise ein Fall registriert, in dem ein katarischer Tanker eine Mannschaft über ein indonesisches Rekrutierungsagentur anheuerte, die zuvor Seeleute für Schiffe bereitgestellt hatte, die sanktionierte russische Öltransporte durchführten. Eine solche Praxis ermöglicht es, die Herkunft der Ladung zu verschleiern und Sanktionen oder Blockaden zu umgehen.
Die Straße von Hormus: Verwundbarkeit und Nachteinsätze
Die Straße von Hormus ist eine schmale Wasserstraße mit einer Breite von nur wenigen Dutzend Kilometern, durch die ein erheblicher Teil der weltweiten Öl- und Gaslieferungen fließt. Iran, der diese Region kontrolliert, hat die Schifffahrt durch die Straße verboten und kann Schiffe tagsüber visuell beobachten. Seine Möglichkeiten zur Überwachung von Nachtbewegungen sind jedoch begrenzt, insbesondere wenn Schiffe ihre Signale und Beleuchtung ausschalten.
Genau in der Nacht, wenn die Kontrolle nachlässt, passieren LNG-Tanker die Straße und wenden dabei eine Taktik an, die derjenigen der russischen Schattenflotte zur Umgehung westlicher Sanktionen ähnelt. Dies ermöglicht es ihnen, ihre Ladungen trotz offizieller Verbote in die Häfen von Katar und den VAE zu bringen.
Rückkehr leerer Gasschiffe: Vorbereitung auf eine großangelegte Operation
Nach mehreren erfolgreichen Fahrten, die den verdeckten Abtransport von LNG durch die Straße ermöglichten, beginnen leere Gasschiffe, in die Region zurückzukehren, um neue Chargen zu laden. In den letzten Tagen sind vier Schiffe, die mit QatarEnergy und ADNOC in Verbindung stehen, aus dem Ozean in den Golf von Oman eingelaufen, von wo aus man über die Straße von Hormus in die Binnenhäfen von Katar und den VAE gelangen kann.
Eines dieser Schiffe hat vor zwei Tagen die Übermittlung von Standortdaten eingestellt, was darauf hindeutet, dass es sich bereits auf dem Weg durch die Straße befindet. Dies bestätigt, dass die Tarntaktik funktioniert und in Zukunft für großangelegte Gasabtransporte eingesetzt werden kann.
Strategisches Signal: Vorbereitung auf langfristige Unterbrechungen
Derartige Maßnahmen von Katar und den VAE könnten ein Signal für die Vorbereitung auf langfristige Unterbrechungen der Schifffahrt durch die Straße von Hormus sein. Sollte sich die Lage in der Region verschärfen, werden LNG-Exporteure gezwungen sein, Methoden der Tarnung ständig anzuwenden, um die Lieferungen auf den Weltmarkt aufrechtzuerhalten. Dies könnte zur Bildung einer vollwertigen „Schattenflotte“ in der Region führen, ähnlich der russischen.
So sieht sich die globale Energiesicherheit mit einer neuen Realität konfrontiert: Selbst die größten und offensten Gasexporteure sind bereit, Methoden anzuwenden, die zuvor als Domäne sanktionierter Akteure galten. Dies verändert die Spielregeln auf dem globalen LNG-Markt und erfordert eine Überarbeitung der Strategien zur Überwachung und Kontrolle des Seeverkehrs.