Der Mai 2024 wurde zu einem Wendepunkt in der Strategie ukrainischer Angriffe auf die russische Energieinfrastruktur. Innerhalb eines Monats fügten die ukrainischen Streitkräfte mindestens 30 Schläge gegen Ölziele zu – ein Rekordwert seit Beginn der umfassenden Invasion. Während die Angriffe früher punktuellen Charakter hatten, geht es nun um systematischen Druck auf die gesamte Branche: Innerhalb eines Monats wurden acht der zehn größten Raffinerien des Landes getroffen.
Änderung der Taktik: Von der Primär- zur Sekundärverarbeitung
Kiew hat seine Prioritäten bei der Zielauswahl geändert. Wurden früher vor allem Anlagen zur Primärverarbeitung angegriffen, die relativ schnell repariert werden können, so liegt der Fokus nun auf Anlagen zur Sekundärverarbeitung. Genau diese Anlagen sind für die industrielle Produktion von Benzin und Diesel verantwortlich.
Sergei Vakulenko, Branchenveteran und Experte des Carnegie-Fonds, erklärt, dass die Schäden durch solche Angriffe erheblich tiefer gehen. Die Reparatur von Sekundärverarbeitungsanlagen ist eine weitaus schwierigere und kostspieligere Aufgabe. Westliche Sanktionen, die die Lieferung hochtechnologischer Ausrüstung aus dem Ausland einschränken, machen den Wiederherstellungsprozess langwierig. Infolgedessen müssen die Werke mit halber Leistung arbeiten oder für längere Zeit stillgelegt werden.
Ziele der Angriffe: Wiederholte Schläge gegen Schlüsselpunkte
Die Strategie Kiews basiert auf dem Prinzip wiederholter Angriffe auf dieselben Objekte, um der Industrie keine Erholung zu ermöglichen. Innerhalb eines Monats griffen Drohnen an:
- Werk „Janos' (Joint Venture von „Rosneft' und „Gazprom Neft') – 3 Treffer.
- Objekte von „Lukoil' in Nischni Nowgorod und Perm – jeweils 2 Treffer.
- Raffinerie Wolgograd – nach einem weiteren Treffer stillgelegt.
- Raffinerie Saratow – erlitt wiederholte Schäden.
Neben den Werken wurden auch Exportterminals, Pumpstationen und Kraftstofflager getroffen. Mindestens 16 Treffer trafen direkt die Raffinerien.
Rekordabfall der Kapazitäten
Die Wirksamkeit der Angriffe wird durch trockene Zahlen bestätigt. Laut der Analysefirma OilX betrug das durchschnittliche Ölverarbeitungsvolumen in Russland im Mai 4,58 Millionen Barrel pro Tag. Das sind 700.000 Barrel weniger als vor einem Jahr und der niedrigste Wert seit Oktober 2009. Analysten prognostizieren aufgrund der akkumulierten Schäden einen weiteren Rückgang der Volumina.
Reaktion von Markt und Behörden
Um die Risiken eines inneren Mangels zu erkennen, haben die russischen Behörden strenge Exportbeschränkungen eingeführt. Seit dem 1. April gilt erneut ein Verbot für den Export der meisten Benzinmarken, und der Export von Flugzeugtreibstoff ist bis Ende November eingeschränkt. Diese Maßnahmen sollen die inneren Lieferungen unterstützen, doch die Marktlage bleibt angespannt.
Die offiziellen Statistiken sehen relativ ruhig aus: Der durchschnittliche Benzinpreis ist seit Jahresbeginn nur um 2 Rubel auf 67,53 Rubel pro Liter gestiegen. Die Börsendaten zeichnen jedoch ein anderes Bild. Die Volumina des Premium-Benzins der Marke 95, das in der europäischen Teil Russlands zum Verkauf angeboten wird, sind auf 5.000 Tonnen pro Tag gesunken – das ist nur ein Drittel des Angebots des Vorjahres. Im Jahresvergleich sind die Börsenpreise für diese Kraftstoffart um mehr als 20 % gestiegen.
Diese Situation bereitet bereits unabhängigen Tankstellenketten, die nicht mit großen Ölkonzernten verbunden sind, Probleme, die Schwierigkeiten bei der Großbeschaffung von Kraftstoff haben.
Geopolitischer Kontext und offizielle Kommentare
Kreml-Sprecher Dmitri Peskow erklärte am 21. Mai, Russland sehe kein Risiko eines Treibstoffmangels und führte die Produktionsrückgänge auf saisonale technische Wartung zurück. Er betonte, dass Nachfrage und Angebot im Gleichgewicht seien. Dennoch wurden Beschränkungen für Kraftstoffkäufe bereits in der Krim eingeführt, und im vergangenen Jahr betraf der Mangel den Fernen Osten und die besetzten Gebiete der Ukraine.
Die Situation wird durch globale Faktoren verschärft. Die Angriffe auf russische Raffinerien fielen mit der Krise im Ormuz-Straße zusammen, wo die Ölfähre aufgrund des Konflikts im Nahen Osten praktisch zum Stillstand kam. Der Verlust von Barrel aus den Ländern des Persischen Golfs zwang Russland, den Rohölexport zu erhöhen, was zusätzlichen Druck auf die inländische Verarbeitung ausübt.