In einem Interview mit dem TV-Marathon „Єдині новини' (Einheitsnachrichten) hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj einen nicht offensichtlichen, aber kritisch wichtigen Aspekt der internationalen Unterstützung für Kiew dargelegt. Der Staatsoberhaupt erklärte, dass eine Reihe von Ländern kein Interesse daran hat, die eigenen ukrainischen ballistischen und antiballistischen Technologien zu entwickeln. Laut Selenskyj ist einer der Hauptgründe der Wettbewerb auf dem globalen Waffenmarkt, wo das Auftreten eines neuen Akteurs das bestehende Kräfteverhältnis stören könnte.

Ukraine als neuer Akteur auf dem Waffenmarkt

Der Präsident betonte, dass die Entwicklung einer eigenen ballistischen Rakete oder eines antiballistischen Systems durch die Ukraine das Erscheinen eines neuen, starken Akteurs auf dem Waffenmarkt bedeuten würde. „Viele wollen nicht, dass wir in der Ukraine eine eigene Ballistik haben. Russland ist natürlich Nummer eins. Aber es gibt auch weltweit nicht sehr viele Menschen und Unternehmen, die einen solchen Konkurrenten wollen', sagte Selenskyj. Nach seinen Worten gibt es derzeit in Europa nur wenige Unternehmen, die leistungsstarke Luftabwehrsysteme produzieren. Er nannte unter anderem NASAMS, hergestellt von Norwegen und den USA, das deutsche IRIS-T sowie SAMP/T, das von Frankreich und Italien in Partnerschaft mit den USA entwickelt wurde.

Wirtschaftliche Interessen versus politische Werte

Gleichzeitig betonte Selenskyj, dass es nicht um eine Ablehnung der Unterstützung durch die Partner der Ukraine gehe. Nach seinen Worten gibt es in den internationalen Beziehungen neben politischen Interessen und gemeinsamen Werten auch wirtschaftliche und geschäftliche Interessen. „Es gibt noch Geld, es gibt Geschäfte. Daher muss man alles herausfordern und für alles kämpfen', fasste der Präsident zusammen. Diese Aussage deutet darauf hin, dass die Ukraine ihre Interessen auf internationaler Ebene aktiv vertreten muss, um Zugang zu Technologien und Finanzierung für die Entwicklung ihrer eigenen Rüstungsindustrie zu erhalten.

Entwicklung ukrainischer Technologien

Wie bekannt ist, durchläuft die ukrainische ballistische Rakete FP-7 derzeit die Zertifizierung im ukrainischen Verteidigungsministerium. Die Rakete FP-7 verfügt über eine Kampfmodifikation, die zur Bekämpfung von Bodenzielen eingesetzt werden kann. Was die antiballistische Abwehr betrifft, so hat das ukrainische Unternehmen Fire Point die Fristen für den ersten Abschuss einer ballistischen Rakete im Rahmen des Projekts Freyja genannt und den aktuellen Entwicklungsstand beschrieben. Diese Projekte zeigen, dass die Ukraine das Potenzial hat, eigene Militärotechnologien zu entwickeln, die auf dem internationalen Markt wettbewerbsfähig sein könnten.

Widersprüchliche Daten

Einerseits behauptet Selenskyj, dass westliche Partner kein Interesse an der Entwicklung ukrainischer Militärotechnologien wegen des Wettbewerbs haben. Andererseits liefern diese Länder weiterhin militärische Hilfe und Unterstützung an die Ukraine. Dies erzeugt einen Widerspruch zwischen den erklärten Interessen und den tatsächlichen Handlungen. Möglicherweise versuchen die westlichen Länder, ein Gleichgewicht zwischen der Unterstützung der Ukraine und dem Schutz ihrer wirtschaftlichen Interessen auf dem Waffenmarkt zu finden.

Ausblick

Trotz bestehender Widersprüche entwickelt die Ukraine weiterhin ihre Militärotechnologien. Dies könnte dazu führen, dass die Ukraine in Zukunft ein wichtiger Akteur auf dem Waffenmarkt wird, was das Kräfteverhältnis in der Region verändern würde. Dafür wird jedoch nicht nur technische Entwicklung, sondern auch aktives Lobbying auf internationaler Ebene erforderlich sein.