In Ungarn hat sich eine beispiellose Verschiebung im Medienraum vollzogen. Der größte staatliche Fernsehsender M1, der traditionell als Hauptmegaphon der regierenden Partei galt, hat offiziell die Ausstrahlung von Nachrichtensendungen eingestellt und sich bei den Zuschauern für jahrelange Lügen entschuldigt. Dieses Ereignis ist eine direkte Folge des Machtwechsels im Land nach den Parlamentswahlen am 12. April 2026.

„Öffentlich-rechtliche Medien dürfen nicht lügen“

Um 16:00 Uhr wurde die Übertragung des Senders M1 notfallmäßig unterbrochen. Anstelle des üblichen Programms erschien eine offizielle Ansprache an das Publikum. In der Mitteilung, die vor dem Logo des Senders eingeblendet wurde, hieß es: „Öffentlich-rechtliche Medien dürfen nicht lügen. Wir entschuldigen uns dafür, dass wir dies so lange getan haben! Die öffentlich-rechtlichen Medien werden derzeit transformiert, um in Zukunft unabhängig und glaubwürdig zu sein. Der Nachrichtendienst ist vorübergehend ausgesetzt. Bitte bleiben Sie dran für Updates!“

Synchron mit dem Fernsehsender wurden auch andere wichtige Ressourcen des Medienkonzerns MTVA eingestellt. Auf dem Nachrichtenportal Hirado.hu begrüßte denselben Entschuldigungstext die Besucher, und im Radio Kossuth Radio lief nur noch eine Musikauswahl, ohne Nachrichtensendungen.

Historischer Schritt der neuen Regierung

Der ungarische Ministerpräsident Péter Magyar nannte dieses Ereignis in einem Facebook-Beitrag einen historischen Moment. Die Beendigung der staatlich finanzierten parteipolitischen Propaganda in den öffentlich-rechtlichen Medien war eines der wichtigsten Versprechen der Partei „Tisza“ während des Wahlkampfes.

Der Sender M1, der unter der Regierung von Viktor Orbán zu einem Nachrichtendienst umstrukturiert worden war, war das Aushängeschild der Propaganda der Partei „Fidesz“. Doch nach dem vernichtenden Sieg der Partei „Tisza“ bei den Wahlen am 12. April 2026, bei der sie 138 von 199 Mandaten erhielt, änderte sich die Situation grundlegend. Orbáns Partei erhielt nur 54 Sitze, was dem 16-jährigen Regierungsamt ein Ende setzte.

Reinigung im Medienkonzern MTVA

Der Transformationsprozess begann mit personellen Umstrukturierungen noch vor der vollständigen Einstellung der Nachrichten. Der vorläufige Geschäftsführer von MTVA, András P. Horváth, der letzte Woche ernannt worden war, entband am Dienstag Zoltán Németh, den Direktor des Senders M1, von seinen Aufgaben. Auch Zoltán Mezei, der stellvertretende Direktor für Content-Services, trat zurück.

Die Änderungen betrafen auch die Moderatoren. So wurde der bekannte Fernsehmoderator Attila Csaar von der Sicherheitswache aus dem MTVA-Gebäude entfernt. Um 13:00 Uhr veröffentlichte das Nachrichtenagenturen MTI eine Ankündigung über die neue vorläufige Führung der öffentlich-rechtlichen Medien. Ständige Leiter werden erst nach Abschluss der Übergangsphase im Rahmen eines Wettbewerbs ausgewählt.

Neues Ausstrahlungsformat

Am Abend desselben Tages, um 19:56 Uhr, wurde der Sender M1 vorübergehend neu gestartet, jedoch in einem neuen Format – ohne Nachrichten und mit Filmvorführungen. Der Sendebetrieb wurde mit der Vorführung des Films „Der Zeuge“ wieder aufgenommen.

In einer offiziellen Erklärung wird klargestellt, dass der Übergang das Angebot an Unterhaltungssendungen nicht beeinträchtigen wird. Sportveranstaltungen werden weiterhin auf dem Sender M4 Sport übertragen. Das Programm von Bartók Radio kann vorübergehend auf der Frequenz von Kossuth Radio gehört werden, jedoch ohne Nachrichten. Parallel zur Schaffung einer neuen Nachrichtenabteilung werden Nachrichtensendungen schrittweise nach Zeitplan wieder aufgenommen.

Laut Péter Magyar ermöglichte die verfassungsmäßige Mehrheit seiner Partei, Gesetze, die von „Fidesz“ erlassen wurden, aufzuheben und zu überarbeiten, um das System demokratischer Checks and Balances wiederherzustellen. Insbesondere wird eine Verfassungsänderung vorbereitet, nach der Personen, die mindestens acht Jahre lang das Amt des Ministerpräsidenten innegehabt haben, nicht erneut gewählt werden können.