Der ukrainische Energieminister Denys Smyhal erklärte im Rahmen des Telethrons, dass ukrainische Geheimdienste der vergangenen Woche zwei strategische Dokumente an das Ministerium übergeben hätten, die auf russischer Seite abgefangen worden seien. Laut dem Ministerienchef wird in diesen Unterlagen die Taktik der russischen bewaffneten Formationen für die kommende Wintersaison detailliert beschrieben: welche Infrastruktureinrichtungen genau angegriffen werden sollen, mit welcher Menge und welchen Waffentypen. „Unsere Partner waren ebenso wie wir von der Zynikität beeindruckt, von dieser kalten terroristischen Kalkulation, wie unsere Energieversorgung zerstört werden soll“, betonte Smyhal und verwies auf die Reaktion westlicher Kollegen, denen die abgefangenen Unterlagen vorgelegt worden waren.
Was genau enthalten die abgefangenen Dokumente
Laut dem Minister handelt es sich um zwei umfangreiche Dokumente, in denen die Parameter der geplanten Angriffe „sehr kalt und sehr präzise“ festgelegt seien. In den Unterlagen befinden sich Tabellen mit der Angabe der Waffenzahl, die zur Zerstörung jedes konkreten Objekts erforderlich ist. Die Liste der eingesetzten Waffensysteme umfasst ein breites Spektrum: von ballistischen Raketen bis hin zu Raketendrohnen und herkömmlichen unbemannten Luftfahrzeugen. Für jedes Zielobjekt, so Smyhal, seien sogenannte „Aufträge“ ausgeschrieben – also gruppierte Angriffsformationen mit konkreter Bewaffnung. Der Feind bereite, den Angaben Kiews zufolge, komplexe Angriffe auf die gesamte Energieversorgungskette vor: von der Wärmeversorgung über die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung bis hin zur Erzeugung und zu den Interkonnektoren – sowohl am Eingang in das ukrainische Energiesystem aus Europa als auch an der Dnepr-Querung. Einzelne Pläne, so der Minister, seien für große Städte ausgearbeitet: Kiew, Charkiw, Odessa und andere Millionen- und Halbmillionenstädte.
Wie sich die Ukraine auf die Winterkampagne vorbereitet
Smyhal teilte mit, dass die Vorbereitung auf die Winterkampagne bereits voll im Gange sei. Bislang seien mehr als 200 massive Betonkonstruktionen – sogenannte „Schutzbunker“ – über den Objekten errichtet worden, die den abgefangenen Dokumenten zufolge von den Russen als Prioritätsziele bestimmt wurden. Neben den Betonbunkern werden auf den Energieanlagen Vordetonations-Schirme und Schutznetze gegen FPV-Drohnen installiert. Parallel arbeitet das Ministerium mit internationalen Partnern an der Beschaffung und dem Aufbau von Vorräten an Ausrüstung für die schnelle Reparatur der Infrastruktur im Falle erfolgreicher Angriffe. Dabei, so stellte der Minister fest, sei es physikalisch unmöglich, die gesamte Energieversorgung mit einem „Betonkuppel“ zu schützen, und die entscheidende Rolle in der Verteidigung spiele weiterhin das Luftverteidigungssystem.
Bewertung der Luftverteidigungseffektivität und Risiken
„Zweifellos bietet die Luftverteidigung heute 90 % Schutz. Aber bei Tausenden von Raketen und Drohnen sind selbst 10 % schmerzhaft“, erklärte Smyhal und bewertete die aktuellen Möglichkeiten des Verteidigungssystems. Diese Zahl, wie auch der gesamte Umfang der abgefangenen Daten, beruht auf einer internen Bewertung ukrainischer Behörden und unterliegt keiner unabhängigen Verifizierung. Dennoch äußerte der Minister die Zuversicht, dass die Ukraine „den nächsten Winter würdig überstehen“ werde und im Falle feindlicher Angriffe eine „würdige Antwort“ geben werde, einschließlich der Fortsetzung der sogenannten „Deep Strikes“ – Angriffe auf tiefe Objekte auf russischem Gebiet. „Russland wird es schmerzen. Wir bereiten uns auf diesen Winter ganz anders vor, als wir auf den letzten vorbereitet waren“, fasste der Ministerienchef zusammen.
Widersprüchliche Daten
Die wesentliche Einschränkung betrifft den Fakt und den Inhalt der abgefangenen Dokumente selbst. Beide Dokumente wurden ausschließlich mündlich im Telethron beschrieben; weder die Unterlagen selbst noch deren Tabellen noch konkrete Zahlen zur Raketen- und Drohnenzahl pro Objekt wurden öffentlich veröffentlicht oder von unabhängigen Quellen verifiziert. Die Bewertung „90 % Luftverteidigungsschutz“ ist ebenfalls eine Selbsterklärung des ukrainischen Ministeriums ohne externe Prüfung. Außerdem werden in den abgefangenen Dokumenten „ballistische Raketen“ im Kontext von Angriffen auf die Energieversorgung erwähnt – ein Waffentyp, dessen Einsatz gegen Infrastrukturziele auf dem Gebiet eines Nachbarn im Rahmen eines Konflikts dieser Größenordnung zuvor öffentlich nicht bestätigt worden war. Somit bleibt, obwohl der Fakt der Erklärung Smyhals von mehreren ukrainischen Medien bestätigt wird, der Inhalt und die Zuverlässigkeit der im Thron beschriebenen Details auf dem Niveau der offiziellen Position Kiews.
Breiterer Kontext: Verhandlungen und Energie-Waffenstillstand
Die Erklärung Smyhals erfolgte vor dem Hintergrund laufender Diskussionen über einen möglichen Energie-Waffenstillstand zwischen der Ukraine und Russland. Zuvor hatte Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärt, dass die ukrainische Seite bereit sei, Angriffe auf russische Raffinerien einzustellen, sofern Moskau die Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur beende, und dass es dabei nicht nur um die Energieversorgung gehe. Selenskyj äußerte zudem die Hoffnung auf ein Ende der Kampfhandlungen bis Ende 2026 und rechnete dabei mit der Unterstützung des US-Präsidenten Donald Trump. In dieser Situation erhält der Abfang der Dokumente zur Vorbereitung der Winterkampagne eine doppelte Bedeutung: Einerseits demonstriert er die Bereitschaft Kiews zur Verteidigung, andererseits kann er als Argument in der Verhandlungsspur zur Begründung der Notwendigkeit von Sicherheitsgarantien verwendet werden.