Ende Mai ereignete sich vor dem Hintergrund des andauernden militärischen Konflikts ein Vorfall, der weitreichende geopolitische Folgen haben könnte. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj unternahm einen Versuch, direkten Kontakt mit dem russischen Führer Wladimir Putin aufzunehmen, wobei er einen der einflussreichsten russischen Geschäftsmänner – Roman Abramowitsch – als Vermittler nutzte.
Kommunikationskanal über den Oligarchen
Laut Quellen der Financial Times bat Selenskyj am 21. Mai Abramowitsch persönlich, eine wichtige Botschaft an Putin zu übermitteln. Der Kern der Nachricht bestand in der Bereitschaft des ukrainischen Führers, ein bilaterales Treffen auf einem Gipfel abzuhalten. Dieser Schritt wäre beispiellos gewesen, da seit Beginn der vollen Invasion Russlands in die Ukraine bereits mehr als vier Jahre vergangen waren, ohne dass persönliche Kontakte zwischen den Staatsoberhäuptern stattfanden.
Offener Brief und Bedingungen für das Treffen
Der Inhalt der durch Abramowitsch übermittelten Botschaft bestätigte sich zwei Wochen später. Am 4. Juni veröffentlichte Selenskyj auf der offiziellen Website des Präsidenten einen offenen Brief an Wladimir Putin, der, wie ukrainische Beamten angaben, die Essenz der Botschaft an den Oligarchen doppelte.
Im Dokument wurden die Bedingungen für den Beginn eines Dialogs klar festgelegt:
- Ort des Treffens: Selenskyj schlug neutrale Gebiete vor – die Schweiz, die Türkei oder Länder der arabischen Welt. Ein Treffen in Moskau oder Kiew wurde ausgeschlossen.
- Waffenstillstand: Die Ukraine ist bereit, die Kampfhandlungen während der Verhandlungen einzustellen. Die Überwachung der Einhaltung des Waffenstillstands könnte, so der Vorschlag des Präsidenten, von den USA gewährleistet werden.
- Gefangenenaustausch: Eine Schlüsselbedingung war das Prinzip „Alle gegen Alle“.
- Rückkehr von Zivilisten: Die Forderung umfasste die Rückführung ukrainischer Kinder und Zivilisten, die auf das Territorium der RF verbracht wurden.
- Sicherheitsgarantien: Diese müssen unter direkter Beteiligung der USA und europäischer Länder gewährt werden.
Bewertung der Situation und Verluste der Parteien
In seiner Ansprache führte Selenskyj schockierende Statistiken zu den Verlusten der russischen Armee an. Laut seinen Angaben verlor Russland allein im Monat Mai mehr als 30.000 Menschen durch Tod oder schwere Verletzungen, wobei 63 % von ihnen getötet wurden. Der Präsident wies auch auf die geopolitische Isolation Russlands hin und betonte, dass das Land zum ersten Mal in der Geschichte vollständig von China abhängig ist und gezwungen war, militärische Hilfe von Nordkorea zu erbitten.
Reaktion Kiiews auf die „Friedensformel“ Moskaus
Als Reaktion auf die Initiativen Kiiews äußerte Moskau seine eigene „Friedensformel“, die „Kompromisse“ impliziert. Der russische Außenminister Sergej Lawrow äußerte sich ebenfalls zu Friedensverhandlungen, was in Kiew als absurd bezeichnet wurde.
Der ukrainische Außenminister Andriy Sybyga (im Quelltext als Sybyga angegeben) kommentierte die Situation scharf. Er erklärte, dass Wladimir Putin die Chance verpasst, „aus einem gescheiterten Krieg auszusteigen“. Laut dem Minister werde eine Ablehnung des Dialogs dazu führen, dass sich die Situation für Russland nur verschlechtern wird: unvermeidlich steigende Verluste auf dem Schlachtfeld, eine Vertiefung der Rezession in der Wirtschaft und ein verstärkter internationaler Druck.