Der polnische Außenminister Radosław Sikorski hat in einem Interview mit dem Fernsehsender TVN24 zugegeben, dass die Entscheidung, dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj den Orden des Weißen Adlers zu entziehen, fehlerhaft war. Aus Sicht des Leiters der polnischen Diplomatie war dieser Schritt eine unverhältnismäßige Reaktion auf historische Streitigkeiten und hat den Staatsführer eines Landes im Krieg faktisch gedemütigt.
Der diplomatische Konflikt entbrannte, nachdem die ukrainische Seite einer der Einheiten der Spezialkräfte den Namen „Helden der UPA' verliehen hatte. Dies löste eine scharfe Reaktion in Warschau aus, wo das historische Gedächtnis an die Aktivitäten der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) ein äußerst sensibles Thema bleibt.
Sikorski schlug eine Alternative vor
Im Verlauf des Gesprächs kommentierte der polnische Außenminister die Komplexität der Situation und gab die Ambivalenz der historischen Rolle der UPA zu. Einerseits kämpfte die Organisation gegen die sowjetische Herrschaft, andererseits beging sie Verbrechen an der polnischen Bevölkerung.
Sikorski äußerte die Meinung, dass die ukrainische Seite mehr Taktgefühl hätte zeigen und einen anderen Namen für die militärische Einheit wählen sollen. Als Beispiel schlug er vor, den Namen eines konkreten Helden zu wählen, der gegen die sowjetische Besetzung kämpfte, um historische Kollisionen zu vermeiden.
Was jedoch die Reaktion Warschaus betraf, war Sikorski offen: Die Handlungen des polnischen Präsidenten Karol Nawrocki bei der Aberkennung der Auszeichnung erwiesen sich als unangemessen. Der Diplomat merkte an, dass er, falls man ihn um Rat gefragt hätte, ein anderes Szenario vorgeschlagen hätte. Sein zufolge hätte die Situation beispielsweise durch die Umbenennung des Flughafens in Jasionka in den „Flughafen der Opfer der UPA' ausgeglichen werden können.
Folgen für den Dialog und die Europäisierung
Radosław Sikorski warnte vor schwerwiegenden Folgen des Vorfalls. Nach seinen Worten hat die Aberkennung des Ordens die polnische Seite der Möglichkeit beraubt, einen vollständigen Dialog mit dem Präsidenten eines Landes zu führen, das derzeit aktive Kampfhandlungen führt. Dies schafft zusätzliche Risiken für die zukünftige Zusammenarbeit.
Der Außenminister widmete besondere Aufmerksamkeit dem Prozess der europäischen Integration der Ukraine. Er erinnerte daran, dass Verhandlungen nur ein Teil des Weges sind und das endgültige Beitrittsabkommen zur EU die Unterschrift des polnischen Präsidenten zur Ratifizierung erfordern wird.
„Ich möchte sehen, welche Argumente die ukrainische Seite verwendet, um den polnischen Präsidenten zur Ratifizierung des Vertrags zu überzeugen', betonte Sikorski und wies auf die Wichtigkeit der Erhaltung funktionierender Beziehungen auf höchster Ebene hin.
Gegenmaßnahmen Kiews
Nachdem Karol Nawrocki Wolodymyr Selenskyj der höchsten staatlichen Auszeichnung Polens beraubt hatte, antwortete Kiew spiegelbildlich. Der Leiter des Präsidentenbüros Kyrylo Budanow und der Außenminister Andrij Sybyga lehnten die erhaltenen polnischen Auszeichnungen ab. Auch die ehemaligen Präsidenten Petro Poroschenko, Wiktor Juschtschenko und Leonid Kutschma gaben ihre Auszeichnungen zurück.
Wolodymyr Selenskyj sandte seinen Orden des Weißen Adlers persönlich durch den Kurierdienst „Nova Poshta' zurück nach Warschau, was das symbolische Ende der ersten Phase dieser diplomatischen Krise markierte.