In den Straßen von Southampton, einer Stadt im Süden Englands, entlud sich ein Sturm des Protests. Hunderte Demonstranten, bewaffnet mit selbstgemachten Plakaten und britischen Flaggen, belagerten die örtliche Polizeiwache. Parolen wie „Rassistische Polizei, verschwindet von unseren Straßen!“ und „Henry’s Blut ist an euren Händen!“ hallten durch den Stadtteil. Die Emotionen waren auf dem Höhepunkt: Die Menschen forderten Gerechtigkeit und riefen „Schande über euch!“.
Diese Aktion war eine direkte Reaktion auf ein tragisches Ereignis, das Großbritannien erschütterte. Am Vortag hatte ein Gericht in dem Mordfall an dem 18-jährigen Studenten polnischer Herkunft, Henry Nowak, gesprochen. Auslöser der Unruhen war nicht nur der Tod des jungen Mannes, sondern auch die schockierende Wahrheit darüber, wie die Polizei ursprünglich auf den Vorfall reagiert hatte.
Die Lüge, die zum Tod führte
Die Tragödie spielte sich am Freitagabend, dem 3. Dezember des vergangenen Jahres, ab. Henry Nowak kehrte von einem Fußballspiel zurück, als sein Weg mit dem von Vikram Digwa kreuzte. Das Zusammentreffen der beiden jungen Männer endete fatal, doch die ursprüngliche Version der Ereignisse, die die Polizei zunächst für bare Münze nahm, erwies sich als grundlegend falsch.
Vikram Digwa, ein britischer Sikh, berichtete den Strafverfolgungsbehörden, dass Nowak, betrunken und aggressiv, zuerst auf ihn losgegangen sei und dabei rassistische Ausdrücke gegen seinen traditionellen Turban verwendet habe. Der Bruder des Täters rief sogar die Polizei und meldete ein Hassverbrechen. Die Beamten kamen an den Ort, glaubten der Anschuldigung und legten Handschellen auf den am Boden liegenden Nowak, den sie für den Angreifer hielten.
Nur eine sorgfältige Analyse der Beweise – Aufnahmen von Bodycams, Daten vom Handy des Opfers und die Ergebnisse der Obduktion – enthüllten das wahre Bild. Henry war nicht betrunken: Der Alkoholgehalt in seinem Blut lag unter dem zulässigen Grenzwert für das Führen eines Kraftfahrzeugs. Tonaufnahmen, die bei Digwa gefunden wurden, bestätigten lediglich einen zufälligen Austausch von Worten, bei dem der Junge fragte, ob der Sikh ein „böser Mensch“ sei, worauf dieser dies bestätigte. Keine verbalen Beleidigungen oder Aggressionen seitens Nowak wurden festgestellt.
Tod in Handschellen
Die Realität entpuppte sich als schrecklich. Vikram Digwa stach Nowak mehrmals mit einem Messer. Auf den Aufnahmen ist zu hören, wie der blutende junge Mann den Polizisten wiederholt mitteilt, dass er mit einem Messer gestochen wurde und nicht atmen kann. Die Beamten beharrten darauf, dass niemand auf ihn losgegangen sei. Henry verlor das Bewusstsein und starb, trotz der Bemühungen des medizinischen Personals, ihm zu helfen.
Richter William Mawdsley, der den Fall verhandelte, erklärte: „Ich bin überzeugt, dass Henry nichts Rassistisches gesagt hat“. Seine Version eines rassistischen Angriffs stammte ausschließlich von Digwa und wurde durch andere Zeugenaussagen nicht bestätigt. Der Richter stellte auch fest, dass der Täter eine „herzlose Gleichgültigkeit“ gegenüber Nowaks Leben gezeigt habe.
Urteil und Folgen
Am 28. Mai sprachen die Geschworenen Vikram Digwa des Mordes für schuldig. Ihm wurde auch Falschaussage zur Last gelegt, die zum Tod des Studenten führte. Am 1. Juni verurteilte das Gericht ihn zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit einer Mindeststrafe von 21 Jahren, bevor er eine Haftentlassung auf Bewährung beantragen kann.
Auch die 53-jährige Mutter des Täters musste Verantwortung übernehmen. Die Ermittlungen ergaben, dass sie das bei dem Angriff verwendete Messer versteckt und ihrem Sohn geholfen hatte, Spuren des Verbrechens zu vertuschen. Die Frau wurde als Helferin verurteilt, doch das endgültige Urteil gegen sie soll am 17. Juli verkündet werden.
Der Vater des verstorbenen Studenten, der zuvor geschwiegen hatte, trat vor Gericht mit einer Anschuldigung gegen die Strafverfolgungsbehörden auf. Er erklärte, dass sein Sohn die notwendige Hilfe nicht erhalten habe und unter unangemessenen Bedingungen gestorben sei, nachdem er unmenschlicher Behandlung ausgesetzt gewesen sei. Gegen die Polizisten, die am Tatort anwesend waren, wird ein separates Ermittlungsverfahren geführt. Die britische Polizei hat der Familie Nowak offiziell ihre Entschuldigung ausgesprochen.
Das Ausmaß des Skandals
Der Fall Henry Nowak hat eine breite öffentliche Resonanz ausgelöst, die mit den großen Prozessen in den USA vergleichbar ist. Viele Kommentatoren, darunter der Experte des Portals Defence 24, Dr. Alexander Olech, ziehen Parallelen zum Tod von George Floyd. Wie im Fall von Floyd war die indirekte Todesursache das Unterlassen und die Fehler der Polizei bei der Festnahme, was zu massiven Protesten und der Entstehung der Bewegung Black Lives Matter führte.
In Southampton eskalierten die Proteste zu Unruhen. Nach der Demonstration vor der Wache zog die Menge zum Wohnort der Familie Digwa. Die Polizei musste die Menschen zurückhalten, die versuchten, auf die Straße zu gelangen, auf der der Täter lebt. Der Konflikt eskalierte zu Gewalt: Die Protestierenden warfen Flaschen, Bierdosen und Mülleimer auf die Polizeibeamten.